Schwach sein ist Gnade

Bei allem Schrecklichen was passiert, können wir nie tiefer fallen als in Gottes Hand.

„Herr, sei mir gnädig, denn ich bin schwach; heile mich, Herr, denn meine Seele ist sehr erschrocken.“
Ps. 6, 3-4

Schwach sein und erschrecken, kann Menschen am Boden zerstören, oder zum Gebet werden. Wo Ohnmacht auf Gnade trifft, ist Hilfe in Sicht. Ich bin schwach, das ist eine Tatsache. Erschrockene Seelen sind unser tägliches Brot. Wir sind von Trümmerhaufen umgeben. Unser eigenes Leben liegt oft in Scherben am Boden. An Ostern ist ein Segelflieger bei uns abgestürzt, bei dem der Pilot ums Leben kam und sein junger Begleiter mit schweren Kopfverletzungen im Koma liegt. Für die Familien ist das ein totaler Ausnahmezustand. Wir kommen immer wieder an den Rand, bei dem der Schreck alle Lichter ausgehen lässt. Auch der Glaubende ist in solchen Situationen kein Held. Wir sind schwach und wir sind immer neu erschrocken, das ist Realität. Die andere Wahrheit für den Glaubenden ist: „Der Geist hilft unserer Schwachheit auf“. „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Es ist gerade die Schwachheit, in der Gott am stärksten sichtbar wird. Wo ein Mensch aus sich heraus nicht mehr kann, gibt Gott alles. Heil verwirklicht sich an den Zerbrochenen, an denen, die Gott nichts zu bringen haben. An denen, die sich selbst nicht mehr helfen können, verwirklicht sich der Auftrag Jesu. Er ist für die geknickten Rohre gekommen, damit sie nicht zerbrechen. Somit gehören schwach sein und erschrecken mit der Gnade zusammen. Der Geist der über die Schwachheit kommt, ist die Kraft der Auferstehung, die dem Sterben ein Ende gesetzt hat. Der tiefste Punkt unserer Erschütterung ist damit die fruchtbarste Stelle für unser Heil werden. Dort wo für uns die Leidensspirale steil nach unten geht, hebt sie der Geist wieder auf. Die Schwachheit ist damit ein Schöpfungsmorgen, an dem alles neu beginnen kann. An unserem Ende übernimmt der Geist die Führung.

Somit ist Schwachheit bereits Gnade. Da wechseln die Rollen. Wo ich kapituliere, übernimmt der Geist seine eigentliche Aufgabe. Daher ist an dem Punkt, an dem bei uns nichts mehr geht, Gott am nächsten. Der schwache Mensch ist die optimale Voraussetzung, damit sich der Geist nach allen Regeln der Kunst entfalten kann. Da ist Gott in seinem ganzen Element.

Um das zu erfahren, müssen wir uns unserer Realität stellen und der Gottes Realität. Wo wir unsere Schwachheit nicht zugeben, sie überspielen und uns selbst stark fühlen, werden wir die Kraft des Geistes nicht erleben. Wir schmoren im eigenen Saft und das Heil geht an uns vorbei. Nur die Schwachen fallen ganz in Gottes Hand.

Bejammern wir unsere Schwachheit, oder machen wir sie zum fruchtbaren Gebet?

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Jubeln in Verzweiflung

Wer glaubt, kann in Verzweiflung jubeln.

„Du bist mein Helfer, und unter dem Schatten deiner Flügel frohlocke ich.“
PS. 63, 8

Frohlocken ist das Hochgefühl guter Tage. Festfreude, die voll Dankbarkeit überquillt. Ausnahmezustand, der glückseligen Ausgelassenheit. Die Unbeschwertheit spielender Kinder, der Siegestaumel großer Athleten. Frohlocken beschreibt den Zustand der Glaubenden. Da können wir uns nur fragen, wieviel Tage im Jahr sind wir in solch einer jauchzenden Verfassung? Wie sehr lähmt der tägliche Schmerz, die jubelnde Heiterkeit?

Den unvergesslichsten Ostermorgen, den wir als Bruderschaft erlebten, war beim Osterfeuer in der abgebrannten Hauskapelle. Mit dem Licht der Osterkerze, zogen wir aus dem Tiefkreuzgang, der nach dem Brand mit als erstes wieder in Takt war, in die Ruine der Hauskapelle, in der wir unter freiem Himmel und verkohlten Gemäuern das Osterfeuer entzündeten. Kontraste, die man sich kaum extremer vorstellen kann. Da gaben sich die Hoffnung und die Verzweiflung die Hand. Wir feierten die Auferstehung, mitten im abgebrannten Zuhause. Dort wo das Feuer der Zerstörung, noch vor kurzer Zeit das Herzstück der Gemeinschaft niederbrannte, entzündeten wir das Feuer der Auferstehungshoffnung. Wo wir in Gott sind, können wir in der Verzweiflung jubeln. Da verwandelt sich Not in Hilfe. Da kann der Schreck frohlocken.

Das ist dann kein krampfhaftes, gequältes oder gezwungenes Jauchzen, das ist ein befreites Jubilieren des Leidenden. Da bleibt der Schutt, da bleibt die mühevolle Aufbauarbeit, die einer sowieso ausgelasteten Gemeinschaft bevorsteht, doch in die Belastung kommt eine zuversichtliche Unbeschwertheit. Wo Gott mein Helfer ist, tröstet Christus in der Verzweiflung. Da werden Freud und Leid Geschwister. Wo Gott mein Helfer ist, gibt es keine Katastrophe, in der nicht das Osterfeuer entzündet wird. Da übernimmt die Hoffnung die Herrschaft über Schutt und Asche. Der Schatten deiner Flügel, nimmt dem Schmerz den bitteren Geschmack. Die Ruine ist mit Adlerschwingen bedeckt, unter denen die Kinder jubilieren können.

Unter welchen Flügeln finden wir unsere Zuflucht, wenn unser Haus abbrennt? Was macht uns gelassen, dass wir wieder jubilieren können?

Wenn die Suppe nicht schmeckt

Christus will keine Bewunderer, sondern Nachfolger. Sören Kierkegaard

„Gott der Herr hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück.“
Jes. 50, 5

Wo der Herr das Ohr öffnet, passiert etwas mit dem Menschen. Da dringen Worte ein, die nicht nur nett sind, sondern das ganze Gottes Handeln offenbaren. Da wird der Mensch von dem erfasst, was Gott mit ihm vor hat. Er wird zum Instrument und Werkzeug Gottes. Gott fängt damit an die Welt zu operieren; er gestaltet, er erschafft und erneuert. Wo Gott Ohren öffnet, erfasst er einen Menschen total und vollbringt mit ihm sein Werk. Er verschafft sich damit die Komplettzugang im Menschen. Mit geöffneten Ohren werden Berufungen ausgesprochen. Da hört ein einfacher Schreiner den Ruf: Geh ins Kloster! Da heißt er Wege zu gehen, die völlig anders aussehen als wir uns gedacht haben. Da macht das Wort zu einem Teil von Gottes Auftrag. Da hört Mose den Ruf: Geh zum Pharao und befreie mein Volk aus der Gefangenschaft der Ägypter. Wo Ohren aufgehen wird ein Saulus zum Paulus. Da wird der Gottesknecht zum Erlöser.

Wo die Ohren aufgehen, kann es ganz schön ungemütlich werden. Da werden unsere Wege und Pläne durchkreuzt. Da tanzen wir nicht mehr nach unserer Pfeife. Wo Gott Hand anlegt, sagt er: Du bist mein! Ich brauche dich, ich jetzt etwas mit dir vor. Da kommen schnell die größten Ausreden und Erklärungen, weshalb das nicht geht. Mose hat heftige Diskussionen mit Gott begonnen, als er den Pharao überzeugen sollte. Ich kann nicht reden, ich bin nicht sprachbegabt, ich habe eine schwere Zunge. Schlicht, Lieber Gott, suche dir einen anderen, ich bin nicht der Richtige für solch eine Aufgabe. Ich selbst sagte mir: Kloster ist für dich als freiheitsliebender Mensch nichts, das kann ich mir nicht vorstellen. Doch es geht nicht darum, was wir uns vorstellen können. Selbst Jesus sagte: Wenn es irgendwie geht, lass diesen Kelch an mir vorübergehen. Wo die Ohren aufgehen, hören wir Dinge, die wir lieber nicht hören möchten, weil es ans Eingemachte geht.

Doch Jesaja sagt: ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück. Wow, welch eine Standhaftigkeit. Welch eine Bereitschaft Wege zu gehen, die ungemütlich werden und vielleicht kein Zuckerschlecken sind. Ungehorsam und zurückweichen, sind das größte Übel, wenn die Ohren aufgehen, wenn das Wort uns triff und Gott ganz konkret etwas mit uns vor hat. Jesus sagte: Dein Wille geschehe. Damit war er bereit für den Kreuzweg. Genauso sagt er: Wer mir dienen will, der folge mit auf dem Kreuzweg. Im Gehorsam und nicht zurückweichen geschieht das was Gott mit dieser Welt vor hat. Es geht in der Nachfolge immer wieder darum, unseren Widerstand gegen das was Gott von uns will, zu begraben.

Was passiert in uns, wenn uns das Wort die Ohren öffnet? Welche Abwehrmechanismen setzen da ein?

Den Umständen trotzen

Zum Glück ist der Glaube eine Trotzreaktion, gegenüber allem, was vergeht.

„Mein Vater und meine Mutter verlassen mich, aber der Herr nimmt mich auf.“
Ps. 27, 10

Aber der Herr… ist das Thema des heutigen Sonntags Okuli. (Meine Augen sehen stets auf den Herrn) Das ABER steht gegen das Verlassen. Das Verlassenheitsgefühl gehört mit zu den stärksten Ängsten, die Menschen durchmachen. Es ist das Gefühl, ins Bodenlose zu versinken. Wo die erste Jugendliebe zerbricht, erscheint das ganze Leben sinnlos. Wo die Eltern wegbrechen, bricht etwas von eigenen Fundament weg. Verlassen ist Trennung, ist Schmerz, ist das ganz auf sich selbst gestellt sein. Da bricht etwas von der Liebe weg, die getragen und aufgebaut hat, die das Leben lebenswert machte. Im Alter kann man öfters hören, meine Kräfte verlassen mich, meine Gesundheit lässt nach, verbunden mit der Angst, den Aufgaben und dem Leben nicht mehr gewachsen zu sein. Beim verlassen werden, entsteht ein großes schwarzes Loch, an dem manch einer sein Leben selbst beendet hat.

Der Blick auf das Verlassen sein, lässt keine Hoffnung zu, da braucht es einen Trotzkopf. Das ABER setzt dem Verlassen sein, ein entwaffnendes Gegenüber. „Aber der Herr nimmt mich auf“, stillt alle Existenzängste. Aber, wenn ich den Netzstecker in mein Handy stecke, ist es völlig egal, wie leer der Akku ist. Das Aber überbrückt alles. Auch wenn die Batterieanzeige noch so rot blinkt, stürzt das Handy nicht mehr ab. Aber ist das starke Gegenstück, das allen Mangel überdeckt und die volle Funktion wieder garantiert. Aber, ist der andere Blick, der Anfang des Glaubens. Da verlieren die bedrohlichen Umstände ihre Macht. Der Trotzkopf, trotzt im Glauben den Umständen. Er lässt sich nicht von blinkenden roten Lichtern irritieren. Im Aber, lasse ich die stärkste Energiequelle an mit zu. Wir funktionieren voll, auch wenn die Anzeige kurz vor Null steht. Sich von Gott aufgenommen zu wissen, ist das Trotzdem eines Nic Vujicic, der ein Leben ohne Arme und Beine in größter Freiheit führt und Menschen weltweit zum Leben motiviert. Wo der Herr ist, kann alles fehlen, was andere haben, und wir sind nicht verlassen. Wir stehen als Eingeschränkte im vollen Leben. Wo Gott aufnimmt, fehlt es an nichts. Paulus sagt dazu: Wir sind von allen Seiten bedrängt, ABER wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, ABER wir verzagen nicht. Wir leiden Verfolgung, ABER wir werden nicht verlassen.

Wenn wir selbst in der größten Not von solch einer Liebe umarmt werden, wovor sollten wir dann noch Angst haben?

Eine gute Wahl, wählt auch ungutes ab.

Lebenswege sind keine Laune der Natur; sie stehen in unmittelbarem Zusammenhang zwischen Adam und der Offenbarung des Johannes.

„Wer ist es, der den Herrn fürchtet? Im weist er den Weg, den er wählen soll.“
Ps.25, 12

Leben steht immer in Beziehung. Wir sind als Kreatur geschaffen, samt allen Kreaturen, die uns umgeben. Wir werden in eine Familie hineingeboren, die in einer Gemeinde lebt und unter den Ordnungen eines Staates steht. Wir können unser Leben nie isoliert betrachten. Wir sind bezogen auf Menschen, auf unsere Umgebung, die Lebensumstände in denen wir stehen und auf den, der uns geschaffen hat, dem wir somit gehören. Diese Einbettung und Struktur bestimmt die Lebenswege die wir wählen. Wer sein geschaffen sein, für und in Gott erkennt, wer sein Bezogen sein auf seinen Schöpfer erfährt, der trifft ganz andere Entscheidungen, für alles was in seinem Leben läuft. Die Beziehung zu Gott, zeichnet die Wahl unserer Wege aus, die wir gehen. Wo ich unser Blumenhaus in die Zukunft führen möchte, muss ich mich um gute Mitarbeiter bemühen, die eine gute Arbeit machen, wovon die Kunden begeistert sind. Weiter muss ich mich bemühen neue Märkte zu erschließen, um neue Kunden zu gewinnen. Die Achtung und die Verantwortung, die ich für mein Unternehmen habe, zeigt mir die Wege, die ich für eine blühende Zukunft zu wählen habe.

Ein Leben, das in der Ehrfurcht vor Gott steht, im dem sich all das Gute entfalten soll, das er hineingelegt hat, wählt den Weg mit Christus. Von Gott selbst kommt der Wegweiser, dem wir folgen sollen. Nachfolge ist die beste Wahl, für das Geheimnis Christi im Menschen. Gott setzt das ganze Leben mit Christus im Beziehung. Wo wir diesen gewiesenen Weg wählen, wählen wir unsere Erlösung und Freiheit. Wir wählen den, der vom Anfang der Schöpfung, bis zum Ende aller Zeiten, uns für die Herrlichkeit bestimmt hat. Unser ganzes Beziehungsgeflecht von Mitmenschen und Dingen, ist geprägt und durchdrungen von dieser einen Beziehung. Wo wir Christus wählen, leben wir als die Gebeugten mit Überwinderkräften. Passionswege sind dann nicht das Ende der Zeit, sondern die Wege, die im Sterben zu einem neuen Dasein erlöst werden. Es sind Verwandlungswege, die den Tod in Auferstehung verwandeln. Diesen Weg sollen wir wählen, worin sich die Ehrfurcht vor Gott und dem eigenen Leben zeigt. In diese umfassenden Zusammenhänge sind unser Lebenswege gestellt.

Wer ist es, der auf diese Weise den Herrn fürchtet?

Wenn der Verstand rebelliert

So sehr geht Gott seinen eigenen Weg, dass menschliche Vernunft ihn nur so verstehen kann, dass sie an ihm zunichte wird. Helmut Gollwitzer

„Wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken! Wie ist ihre Summe so groß!Ps. 139, 17

Die Größe Gottes raubt den Menschen den Verstand. Alles, was über Länge, Breite und Höhe, also über den sichtbaren und wahrnehmbaren Bereich des Lebens hinausgeht, ist etwas, womit sich der Mensch schwer tut. Da ist etwas weit größeres als ich, das ich nicht fassen und einordnen kann. Wie sollte ein Mensch mit Anfang und Ende unendlich denken können? Bei allen Gedankenspiele um Gott, müssen wir immer wieder erkennen, Gott passt nicht in unseren Verstand. Die Brüder in der Ausbildungsstätte unseres Priors in Unterweisach, wurden zu Beginn ihres Studiums mit dem Satz konfrontiert: „Liebe Brüder, das erste Verständnis, das wir von Gott haben, ist ein Missverständnis.“ Soll heißen, wir begegnen Gott immer mit falschen Vorstellungen. Gott handelt und denkt anders als wir denken. Wenn er ruft, kommt er uns immer unpassend. Er unterbricht und durchbricht unsere Lebenskonzepte. Seine Gerechtigkeit werden wir nie verstehen, einmal ist er uns zu heilig, ein andermal zu gnädig. Gott ist derart souverän, dass sich dem alles unterordnet. Er ist der, dem Himmel und Erde folgen, dem Wind und Wellen gehorchen, der zwischen sichtbarer und unsichtbarer Welt spazieren geht. Unser Leben ist vor ihm, wie der Tropfen am Eimer, wie das Sandkorn in der Wüste. Wenn er nur ein Wort spricht, teilt sich das Meer und rauchen die Berge. All unseren Grenzen, begegnet in ihm einer totalen Grenzenlosigkeit. Wo es um Gott geht, braucht und kann der Verstand nicht mehr begreifen. Für ihn sind alle Aufregungen in unserem Dasein ein Windhauch. Wo Gott sich Menschen herauswählt, um etwas Neues entstehen zu lassen, müssen wir das nicht verstehen, wir sollen glauben. Unser Verstand ist in Glaubensdingen ein schlechter Ratgeber. Gott will nicht verstanden werden, er will geglaubt und geliebt werden. Wo der Mensch sich im Glauben hingibt, wächst er über sein Verstehen hinaus. Wer Vertrauen wagt, wächst in die Grenzenlosigkeit Gottes hinein.

Wenn Lebensereignisse die Luft rauben, wenn die Wellen hochschlagen und Krankheiten uns auffressen wollen, wenn unser Verstand nur noch seine eigene Sinnlosigkeit begreift, dann schlägt die Stunde Gottes. Hinter all dem, was wir nicht erkennen und verstehen, steht der, der alles weiß. Wo uns unser Herz verdammt, brauchen wir den, der aus dem Staub erhebt. Gerade in der Unfassbarkeit Gottes, liegt das umfassende Erbarmen, das das Brüchige und Begrenzte in seine Weite führt. Die größte Depression, die darauf angelegt ist, seinem Leben ein Ende zu setzen, braucht vor solch einem großen Gott nicht abzustürzen. In dieser Unbegreiflichkeit, liegt das heil werden der ganzen Schöpfung.

Sind nicht unsere Grenzen der Anfang für den der keine Grenzen kennt?

Der Traum von süßen Trauben

Wo der Weinberg sich nicht vom Winzer hegen und pflegen lässt, wird der Wein sauer.

„Wir haben gesündigt samt unseren Vätern, wir haben unrecht getan und sind gottlos gewesen.“
Ps. 106, 6

Das ist eine der wichtigsten Erkenntnisse, die ein Mensch haben kann. Im gestrigen Predigttext von dem Lied des Freundes im Weinberg (Jes. 5 ) kam das sehr bildreich zum Ausdruck. Wir sind für einen edlen Tropfen gedacht, der sich vollmundig am Gaumen entlang spielt und einen blumigen, gewürzreichen Abgang hat. Wir sind in den Weinberg gepflanzt, damit satte, fruchtige Trauben an uns reifen. Gottes Ziel mit uns ist, dass seine Liebe und Gerechtigkeit an uns reifen. Er hat mit uns die Vision von seinem großen Gottesreich. Er will mit uns den weltbesten Wein keltern, der Medaillen abkassiert und alles andere in den Schatten stellt. Gottes Traum von seinem Weinberg ist das Beste vom Besten. Doch bei dem Traum von einem Spitzenwein erntet er saure Trauben, unreifes Stinkzeug. Statt Hochgenuss, bitterer Essig. Wir haben gesündigt, ist nicht das Trauben klauen, er ist der Weinstock ohne Trauben. Wo die Rebe keine edlen Früchte ansetzt, versauert der Mensch. Unrecht ist nicht zuerst eine böse Tat, sondern wo der Weinstock ein Eigenleben führt und sich nicht bebauen, beschneiden und pflegen lässt. Gottlos sind wir, wo wir uns der Hand des Winzers entziehen. In dem Moment, indem einer sagt: Mein Leben gehört mir, fängt die Zielverfehlung, das Sündigen an. An der Loslösung von dem Winzer verwahrlost der Weinberg und werden die Trauben sauer. Sündigen ist nicht ein Fehlverhalten, sondern die Bestimmung, eine edle Traube zu werden, zu verfehlen. Wo der Weinstock sich der Pflege entzieht, fängt die Verwilderung an.

An den Trauben erkennen wir den Zustand und die Qualität des Weinberges. Wo wir sauer sind, wo wir uns schwer tun anderen zu vergeben, wo wir Lasten aus vergangenen Jahren mit uns herumschleifen, erkennen wir die Verwilderung des Weinberges. Wo es uns die Kehle zuschnürt, in der Begegnung mit anderen, merken wir den Bittergeschmack unserer Früchte. Wo wir unser Leben nicht als Leihgabe betrachten, die diese Welt befruchten soll, trocknet der Weinberg aus. Das Elend der Menschen allgemein und der Glaubenden im Besonderen ist, so wenig dem Traum des Winzers zu entsprechen, weil Eigenes wichtiger ist.

Jesus hat im Vaterunser die Bitte gesetzt: Erlöse uns von dem Bösen. Es ist der Schrei nach der guten Frucht. Es ist der Ruf nach Befreiung aus dem Wildwuchs. Es ist das Ringen gegen unsere Zielverfehlung. Erlösung ist die Loslösung von allen Formen des gottlos sein. Erlösung ist der Aufbruch, zur saftigen Traube zu werden.

Wenn wir erkennen, dass wir daran scheitern, wo eigenes im Vordergrund steht, ist das nicht die Voraussetzung für den besten Wein?

Heilige Orte verändern

Es gibt Orte, die haben eine besonders prägende Kraft.

Als Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Wie heilig ist dieses Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels.“
1.Mose 28, 17

Wer die Sagrada Familia in Barcelona betritt, kennt das Gefühl, in die Pforten des Himmels einzugehen. Man könnte sagen, man erlebt in Stein gemeißelte Gottesgegenwart. Das ist nicht nur ein faszinierendes Bauwerk, sondern ein Ort, der Menschen verändert und tiefe Spuren hinterlässt. Heilige Räume sind verändernde Räume. Darin liegt Ruhe und Kraft, die in den Himmel zieht, inmitten von Menschenmassen, an denen ähnliches geschieht. Jeder Ort, an dem Gott mit dem Menschen eine Geschichte schreibt, ist ein heiliger Ort. Es sind Orte, an denen Heilungswunder geschehen sind und nur zu Walfahrtsorten geworden sind. Wo Gott handelt, hinterlässt er Spuren von Ewigkeit. Was einmal an einem Ort geschehen ist, wird diesen Ort für alle Zeiten prägen. Viktor Frankl sagt: Einmal gezeitigt, ist für immer verewigt. Das was einmal geschehen ist, bleibt für alle Zeiten existent. Selbst wenn die Baracken in Dachau abgerissen sind, überfällt es einen mit Unbehagen, wenn man durch diese Anlage der KZ-Gedenkstätte läuft. Orte prägen, Orte haben Macht, Orte lösen Emotionen aus, ein Ort ist von Schwingungen und Atmosphäre durchdrungen. Man spürt den Geist der hier weht. Gott selbst schafft immer wieder solche besonderen Orte der Begegnung mit ihm. Er schafft Orte der Veränderung, an denen er an den Menschen Hand anlegt und weiterführende Erkenntnisse schafft. Jede Kirche will solch ein Ort sein. Sie ist heiliger Raum, Gottes Offenbarungsbereich, an dem Leib und Blut Christi in den Menschen eingehen. Hier geschieht Umfassendes für Zeit und Ewigkeit. Es ist der Raum, in dem sich die ganze Kraft des Wortes entfaltet, das lebendig ist und lebendig macht. An diesem Ort kommt der Mensch zum Schweigen und trägt seine wortlose Anbetung im Weihrauch vor den Altar.

Wir alle leben von heiligen Orten. Wir leben von ihrer wohltuenden und verändernden Kraft. Wir leben von dem Ort, an dem Christus unter den Menschen wohnt. Wir brauchen Räume in denen wir Herrlichkeit sehen uns spüren. Hier entsteht dann die Frage, ob es dem Geist des Hauses entspricht, wenn zur Gemeinschaftsförderung in der Kirche ein Stehempfang stattfindet. Kann da das Gotteshaus eine Friseurstube sein? Ist das im Gemeindehaus nicht Zweck entsprechender. Wo wir die Menschen der heiligen Räume berauben, verliert der Glaube seine Heimat. Gerade der Glaube braucht Orte, die ihn über die irdischen Räume hinausführen. Die gilt es zu bewahren und aufzusuchen.

Wie können wir unser Leben noch viel stärker in heiligen Stätten verankern, dass wir von dieser verändernden Kraft durchdrungen werden?

Unser Jammer ist bekannt 

Wer erkannt ist, dem sind Lasten abgenommen.
„Gott kennt ja unseres Herzens Grund.“

Ps. 44,  22
Was Gott kennt, ist versorgt. Gott kennt Höhen und Tiefen, er kennt Stärken und Abgründe. Gott dringt bis zur letzten Faser unseres Empfindens durch. Was er kennt, ist bekannt, ist offenbar. Die gibt es keine Geheimnisse und keine grauen Schatten. Gott weiß zutiefst wie wir ticken, was uns bewegt und umtreibt. Er ist am Kern unserer Existenz. So nahe kommt nicht der liebste Mensch. Wen Gott kennt, der ist nicht mehr auf sich gestellt. Kennen heißt nicht, er hat uns auch einmal über die Erde springen sehen, sondern kennen ist erkannt sein. Erkannt sein ist in der Bibel die innigste Verschmelzung zwischen Mann und Frau. Gott verschmelzt sich mit uns. Er geht in uns auf. Er wird ein Teil von uns. Was uns berührt, berührt ihn. Unsere Freude ist seine Freude, unser Kampf ist sein Kampf. Im Kennen wird unser Sein zu seinem Sein. Ab diesem Moment sind wir nicht mehr auf uns selbst gestellt. Unser Wohl und Wehe ist seine Sache. Was er erkannt hat, treibt ihn um. Wir sind zu seinem Herzensanliegen geworden. Da gibt es keine Träne, die einsam geweint wird, keinen Kummer, der ohne Trost bleiben würde. 
Wer erkannt ist, kann Vertrauen aufbauen. Vertrauen ist die beste Medizin bei Ängsten und Sorgen. Unser ehemaliger Ministerpräsident von Baden Württemberg Erwin Teufel sagte einmal: Wenn du das Vertrauen der Menschen gewinnst, kannst du Großes bewegen, du kannst sie führen, auch bei Dingen, die sie nicht verstehen. Gottvertrauen kommt daraus, dass er alles aus dem FF kennt. Da kommt Ruhe in alle Verwirrungen. Das entstresst alles angespannte Dasein. Dieses Kennen wirkt jeder Sorge für Morgen entgegen. 
Das können wir von keiner menschlichen Beziehung erwarten. Da müssen wir oft erschreckend feststellen, dass wir selbst in einer langjährigen Lebensgemeinschaft noch nicht einmal wissen, was das Lieblingsessen des einzelnen Bruders oder der Schwester ist. Menschliches Kennen ist selbst im vertrauten Kreis sehr flüchtig. Das erleben wir im Extrem bei Amokläufern bitter. Keiner im Umfeld hat etwas von den inneren Umtrieben gemerkt.  
Wen Gott kennt, ist aufgefangen und gehalten. Dieses Kennen durchbricht die einsamsten Stunden. Deshalb können wir vertrauen. Daher gibt es keine Situation, die zum Verzweifeln ist.
Was haben wir zu beklagen, wenn alles bekannt ist?

Jubel nach dem Gewitter 

Wenn sich bei Nacht ein Gewitter ausgetobt hat, beginnt ein unvergleichlich neuer Morgen.

„Herr ich preise dich! Du hast mir gezürnt! Möge dein Zorn sich wenden, dass du mich tröstest.“

Jes. 12, 1
Wo der Zorn sich wendet, beginnt Glückseligkeit. Das tobende Gewitter in der Nacht hat uns vielleicht um den Schlaf gebracht, doch der Morgen danach, wenn die Sonne wieder aufgeht ist wie ein Traum. Dieser gewaltige Umbruch sorgt für eine Stimmung, die jeden Fotografen jubeln lässt. Alles ist so jungfräulich frisch und mit Regenperlen überzogen, die im anbrechenden Licht an Schönheit nicht mehr zu überbieten sind. Der Umbruch vom Zorn, offenbart Gottes größtes Geheimnis. Im Zorn hat sich die ganze Unlust des Menschen gegen Gott aufgeladen und die Welt unter Spannung gesetzt. Wo sich der Zorn entlädt, lässt Gott Noah eine Arche bauen, um Mensch und Tier zu erlösen. Zorn entsteht, wo sich die Liebe nicht mit dem Bösen abfindet. Doch die Entladung die bei Gott stattfindet ist seit Noah nicht die Zerstörung (nie wieder will ich alles Leben auslöschen), sondern die Vergebung. Das ist das Einzigartige, wie Gott mit Zorn umgeht. Er entlädt die Spannung, indem er einen neuen Morgen schafft. Der Schöpfungsmorgen nach dem Zorn heißt Christus. Damit ist der Dampf raus. Durch dieses Model von Versöhnung entkrampft er alles spannungsgeladene Miteinander. Mit Christus hat der Zorn seine zerstörende Kraft verloren und wird zu einem unvergleichlichen Morgen. Wo Gott angefangen hat zu vergeben, begann für die Welt die größte Erneuerung. Vergebung heißt das Zauberwort, das die Schöpfung in die Glückseligkeit führt. Wer vergibt, rechnet nicht mehr an, stapelt keine Spannungen mehr aufeinander, sondern tröstet im Unglück. Mit Christus haben die polternden Nächte ein Ende. Da erwacht ein neuer Morgen in einzigartiger Klarheit und Schönheit.
Weil sich der Zorn gewendet hat, können wir Versöhnung leben. Getröstete brauchen eigene und andere Schuld nicht mehr anhäufen bis der Haufen explodiert, sie entspannen durch ständiges Vergeben. Wo Vergeben zum Lebensprinzip wird, führen wir selbst ein unbelastetes Leben. Das ist unser Glück und Seligkeit. Da sind wir die Befreiten, die nur noch über den neuen Morgen jubeln können. 
Wo brodelt in uns noch das Gewitter, das uns von dieser selig machenden Erfahrung trennt?