Der Traum von süßen Trauben

Wo der Weinberg sich nicht vom Winzer hegen und pflegen lässt, wird der Wein sauer.

„Wir haben gesündigt samt unseren Vätern, wir haben unrecht getan und sind gottlos gewesen.“
Ps. 106, 6

Das ist eine der wichtigsten Erkenntnisse, die ein Mensch haben kann. Im gestrigen Predigttext von dem Lied des Freundes im Weinberg (Jes. 5 ) kam das sehr bildreich zum Ausdruck. Wir sind für einen edlen Tropfen gedacht, der sich vollmundig am Gaumen entlang spielt und einen blumigen, gewürzreichen Abgang hat. Wir sind in den Weinberg gepflanzt, damit satte, fruchtige Trauben an uns reifen. Gottes Ziel mit uns ist, dass seine Liebe und Gerechtigkeit an uns reifen. Er hat mit uns die Vision von seinem großen Gottesreich. Er will mit uns den weltbesten Wein keltern, der Medaillen abkassiert und alles andere in den Schatten stellt. Gottes Traum von seinem Weinberg ist das Beste vom Besten. Doch bei dem Traum von einem Spitzenwein erntet er saure Trauben, unreifes Stinkzeug. Statt Hochgenuss, bitterer Essig. Wir haben gesündigt, ist nicht das Trauben klauen, er ist der Weinstock ohne Trauben. Wo die Rebe keine edlen Früchte ansetzt, versauert der Mensch. Unrecht ist nicht zuerst eine böse Tat, sondern wo der Weinstock ein Eigenleben führt und sich nicht bebauen, beschneiden und pflegen lässt. Gottlos sind wir, wo wir uns der Hand des Winzers entziehen. In dem Moment, indem einer sagt: Mein Leben gehört mir, fängt die Zielverfehlung, das Sündigen an. An der Loslösung von dem Winzer verwahrlost der Weinberg und werden die Trauben sauer. Sündigen ist nicht ein Fehlverhalten, sondern die Bestimmung, eine edle Traube zu werden, zu verfehlen. Wo der Weinstock sich der Pflege entzieht, fängt die Verwilderung an.

An den Trauben erkennen wir den Zustand und die Qualität des Weinberges. Wo wir sauer sind, wo wir uns schwer tun anderen zu vergeben, wo wir Lasten aus vergangenen Jahren mit uns herumschleifen, erkennen wir die Verwilderung des Weinberges. Wo es uns die Kehle zuschnürt, in der Begegnung mit anderen, merken wir den Bittergeschmack unserer Früchte. Wo wir unser Leben nicht als Leihgabe betrachten, die diese Welt befruchten soll, trocknet der Weinberg aus. Das Elend der Menschen allgemein und der Glaubenden im Besonderen ist, so wenig dem Traum des Winzers zu entsprechen, weil Eigenes wichtiger ist.

Jesus hat im Vaterunser die Bitte gesetzt: Erlöse uns von dem Bösen. Es ist der Schrei nach der guten Frucht. Es ist der Ruf nach Befreiung aus dem Wildwuchs. Es ist das Ringen gegen unsere Zielverfehlung. Erlösung ist die Loslösung von allen Formen des gottlos sein. Erlösung ist der Aufbruch, zur saftigen Traube zu werden.

Wenn wir erkennen, dass wir daran scheitern, wo eigenes im Vordergrund steht, ist das nicht die Voraussetzung für den besten Wein?

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Herzlich willkommen 

An Gottes Einladung kommt niemand vorbei.
„Zu einem Volk, das meinen Namen nicht anrief, sagte ich: Hier bin ich, hier bin ich!“

Jes. 65, 1
Gott lässt sich von keiner Ignoranz abschütteln. Wo Menschen miteinander fertig sind und Striche ziehen, zieht Gott nie einen Strich. Gott ist unschockierbar. Gott ist enttäuschungsresitent. Egal, wie weit die Menschen von ihm abrücken, er bleibt. Gott will unter allen Umständen die Gemeinschaft mit Menschen. Gott ist ein einziges Du zu Nächsten. Seine Existenz ist eine premanente Einladung. Er hält unablässig nach Davongelaufenen Auschau. Er ist mit niemand fertig, auch wenn der nichts von ihm wissen will. Gott lässt sich nicht abschütteln. Er ist ungebrochene Liebe in Person. Ein lebenslänglicher Liebhaber, den keiner mehr losbekommt.
Die Lebenwege der Menschen halten ihn nicht auf. Er will die Frommen und die Sünder. Er hält Ausschau nach den psychisch Kranken und die im Leben Gestrandeten. Er will die Gestressten und die Verzweifelten. Er sucht, die die andere übers Ohr hauen, die Gammler und Taugenichtse. Alle die uns längst nicht mehr interessieren, wecken sein Interesse. Egal woher einer stammt, wieviel Körbe er von Einzelnen einstecken musste, er will sie an seinen Tisch zu Brot und Wein einladen. Lieben und mit seinen Geliebten feiern ist seine Vission. Er bohrt sein Heil regelrecht in diese Welt. Er pflanzt Christus wie eine Osase in die Wüste. Die ganze Welt ist mit diesem Erbe schwanger.
Hier bin ich heißt; Ich will dich! Er will jeden! Hier bin ich ist die Realpräsenz des Christus. Somit ist Leben, ist Lebensgestaltung eine einzige Einladung in die Gottesgegenwart. Das ist der eigentliche Sinn unserer Existenz. Wir sind die Eingeladenen und sind gleichzeitig die Einladenden.  Unser Arbeiten, Tanzen und Singen ist eine einzige Einladung zum Tisch des Herrn. Wenn Gott hier ist, sind wir die zum Leben Befreiten, die andere frei machen. Das ist die Hoffnung, die eine gottabgewandte Welt braucht.
Sehen wir unser Dasein, als eine persönliche Einladung zum Mahl?