Ich bin dein

Menschsein heißt, mutig aufstehen und entschlossen handeln.

„Ich bin dein, hilf mir!“
Ps. 119, 94

Ich bin dein, ist die Liebeserklärung an seinen Schöpfer. Da hat ein Mensch seinen Platz und seine Bestimmung gefunden. Er ist im Herzen Gottes zuhause. Enger, fester und klarer, kann man eine Beziehung nicht ausdrücken. Ein Mensch erkennt sich selbst und sein in-Gott-sein. Er tritt von sich selbst zurück und stellt fest, ich gehöre nicht mir. Ich bin ein Teil des großen Liebenden. Dies ist die wichtigste Erkenntnis im Leben. Mein ich bin, hat immer ein stärkeres du bist mein. Das ist das Entscheidende in meinen schwachen Tagen. Wo meine Seele wie dürrer Sand dahinfliegt, ist in diesem Gegenüber guter fester Boden. Wo die Knie zittern, die Angst mich in Schach hält, bin ich an einer kräftigen Hand, die zu mutigen Schritten führt. Mit dem „ich bin dein“ beginnt ein Überwinder-Glaube. Da verliert meine ängstliche Schwachheit ihr falsche Zurückhaltung. Hier beginnt der Durchbruch zu einem befreiten Dasein, das nicht an den Engpässen des Lebens Halt macht. Das gab Hans und Sophie Scholl als junge Menschen den Ansporn, sich nicht von einem Nazi-Regime einschüchtern zu lassen. Wo Menschen in Gott sind, werden gewaltige Widerstandskräfte freigesetzt. Da ist nicht die Bedrohung des Bösen der Auslöser zum Rückzug, da kann kein Tod mehr schrecken, da bestimmt der, der den Tod überwunden hat. Ich bin dein heißt, der Christus, der die Welt überwunden hat, ist in mir. Er verwandelt selbst die Angst vor der eigenen Schuld. Im Glauben an Christus haben wir nichts mehr zu fürchten, weder eigenes Versagen noch irgendwelche Androhungen und Befürchtungen von außen. Darin liegt Stehvermögen, wenn der Boden wegbricht. Darin liegt alle Hilfe, die je einem Menschen zur Verfügung steht. Wer dieses hilf mir schreit, hat bereits seine eigene Ängstlichkeit überwunden.

Angesichts dieses Wortes können wir feststellen, welch ein eingeschüchtertes und ausgebremstes Dasein wir führen. Da ist oft so wenig von dem mutigen Voranschreiten und so viel von dem ängstlichen Abwarten. Wir ziehen uns zurück und beklagen die schlimmen Situationen, die uns das Leben schwer machen. Wir bejammern unsere Opferrolle, wo die Tragödien wieder mal so hart zugeschlagen haben. Wir stöhnen unter unserer Hilflosigkeit, dass uns die Hände gebunden sind, und wir nicht die Kraft haben, hier etwas zu ändern. Da singen wir am heutigen Sonntag Kantate eine Jammerarie des Unglaubens.

Das neue Lied heißt: Ich bin dein! Im Glauben erhält jeder schreckliche Verlauf der Geschichte eine Wende. Da können Menschen in der Kraft des Überwinders ihr Leben in die Hand nehmen und kühne Schritte wagen. Da hat das Bedrohliche seine bestimmende Macht verloren und das Auferstehungsleben gesiegt. Für den, der in Gott ist, ist mehr Hilfe da als alle Angst der Welt kaputt machen kann. Ergreifen wir diesen Mut und handeln wir entschlossen. Wir haben allen Grund dazu.

Was ist das für ein Glaube, der in der Todesgefahr das Leben aufgibt?

Auslegungen für jeden Tag
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Sorgen werfen

Wo ein Stern aufgeht, können wir den Kummer der Nacht hinwerfen.

Es wird ein Stern aus Jakob aufgehen und ein Zepter aus Israel aufkommen.“
4.Mose 24, 17

Wenn Sterne aufgehen und Zepter aufkommen, geschieht ein Umbruch in Nacht und Ohnmacht. Damit kommt Licht in Machtlosigkeit und Orientierungslosigkeit. Das ist die starke Nachricht für die Glaubenden. Den ganzen Auseinandersetzungen des Lebens ist ein Kontrapunkt gesetzt. Über der Zerrissenheit des eigenen Lebens, über dem Durcheinander einer ganzen Welt, geht ein Licht auf. Aller Angst dieser Welt, ist der Christus-Stern gesetzt. Das ist ein Faustschlag gegen die Hoffnungslosigkeit. Das ist ein Hammer gegen alle Sorgen.

Wie sehr sind unsere Tage von Horrorszenarien bestimmt? Die Angst vor dem nächsten kalten Krieg. Die Mächtigen, die Konfliktlösungen mit militärischen Mitteln durchsetzen wollen. Menschen werden zugedröhnt und mit Schreckensmeldungen in Schach gehalten. Im Großen, wie im Kleinen stehen wir ständig unter Strom. Die eigenen Konflikte und Sorgen tun ihr Übriges.

Das Rezept des Glaubens heißt, Sorgen werfen. Alle eure Sorgen werft auf ihn; denn er sorgt für euch. Wo wir werfen, sind die Sorgen weg. Wo ein Stern aufgeht, können wir uns aus unserer Sprachlosigkeit befreien. Das ist die Antwort der Glaubenden für angstgeprägte Menschen. Wir leben in belastenden Situationen und können den Druck loswerden. Sorgen werfen, heißt glauben. Wir vertrauen dem, der die Herrschaft über die Ohnmacht hat. Wir lassen in den Sorgen Gott Gott sein. Wir geben ab und meinen nicht mehr, wir müssten die Welt selbst erlösen. Sorgen werfen macht Mut. Es nimmt zentnerschwere Lasten ab. Er befreit sich von dem lähmenden Gift, das ein Leben auf Sparflamme hält.

Auch bei unsportlichen Menschen ist es hilfreich, das Sorgen werfen zu einem Morgen- und Abendritual werden zu lassen. Es trägt zur geistlichen und leiblichen Fitness bei. Wo wir diesen Frühsport nicht betreiben, werden wir lebensmüde. Belastete, schwermütige Menschen, deren Augen nicht mehr leuchten, haben Schwierigkeiten mit dem Sorgen werfen. Wer diese Disziplin einübt, den erkennt man am Gang seiner Schritte, am Leuchten seiner Augen, an dem Mut und der Hoffnung seines Atems.

Wie erleichtert wären wir selbst, wieviel Sterne würden den Menschen um uns herum aufgehen, wenn wir unserem Ballast abgeben?

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Keine Angst vor Krisen

Bleibe bei uns; denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt.

„Mein Gott, des Tages rufe ich, doch du antwortest nicht, und des Nachts, doch ich finde keine Ruhe.“
Ps. 22, 3

Da war gestern Ostern mit erhebenden Gesängen, mit viel Kerzen, die sich an der Osterkerze entzündet haben und das Osterfeuer, das hell lodernd in den Himmel ragte und sich aufmachte in die Welt hineinzuleuchten, und schon ziehen wieder schwarze Wolken auf. Am Nachmittag zog eisiger Regen auf und verbreitete Novemberstimmung, die keinen Hund hinter dem Ofen vorlockte. Gipfelerlebnisse haben es an sich, dass es danach wieder bergab ins Tal geht. Das ist auch im Glauben nicht anders. Da meinen wir, nach einem erhebenden Gottesdienst, nach einer eindrucksvollen Predigt, nach einem unvergesslichen Erlebnis, jetzt geht es nur noch bergauf, jetzt haben wir etwas kapiert, das wir unser ganzen Leben nicht mehr vergessen, und dann kommt immer wieder dieses große schwarz Loch. Da rufen wir zu Gott und es bleibt still. Alles Großartige, wie weggeblasen. Tage, an denen wir uns fragen: wo ist meine Lebensfreude von gestern geblieben? Da spüren wir eine Glaubensleere und verstehen das alles nicht mehr. Da ist so wenig, was diese Momente wieder aufbauen kann. Ja, es gibt die Tage, an denen wir rufen und nichts hören. Hochfeste gibt es nur wenige Tage im Kirchenjahr, das andere sind Bußzeiten und festlose Zeiten. Gerade diese überwiegende Zeit, gilt es im Glauben zu gestalten.

Der Psalmbeter ruft, auch ohne Antwort. Er bleibt ausdauernd am Gebet, gerade da, wo ihm nicht dazu zumute ist. Er lässt das Gespräch nicht abreisen, wenn er in die Krise kommt. Der Glaube betet und glaubt, auch wenn er nichts sieht und hört. Die aufgewühlten und hilflosen Emmausjünger nehmen den Fremden auf. Sie sind völlig durch den Wind, dass ihr Herr und Meister weg ist und sie einfach so zurückgelassen hat. Ihr Glaube liegt erschüttert am Boden. Obwohl sie lieber ihre Ruhe haben wollen, bitten sie den Fremden zu bleiben. Vielleicht bringt und das Gespräch mit ihm Ablenkung. Wer redet und ruft, hat plötzlich Christus in der Stube. Christus offenbart sich in unserer Zerrissenheit. Dafür ist er auferstanden, damit er die Trostlosigkeiten durchbrechen kann.

Wo unser Rufen nicht aufhört, hört auch Gottes Hören nicht auf. Unser Glaube und unser Gebet braucht Nacht-Rituale. Wo unsere Worte verstummen wollen, helfen Psalmen uns wieder eine Sprache zu geben. In einem Kloster gibt es die Stundengebete, in denen Psalmen und liturgische Gebete gebetet werden. Gerade die Treue zu diesen Gebeten können uns durch Krisen tragen.

Welche Formen haben wir, dass unser Beten nicht abreißt, auch dort wo wir nichts hören?

Loben macht lebendig

Wer nur den lieben Gott lässt walten und hoffet auf ihn allezeit, den wird er wunderbar erhalten in aller Not und Traurigkeit. Wer Gott dem Allerhöchsten traut, der hat auf keinen Sand gebaut. Georg Neumark, 1641

„Singet dem Herrn und lobet seinen Namen, verkündet von Tag zu Tag sein Heil!“
Ps. 96, 2

Dem Herrn singen ist klingendes Evangelium. Wer singt, dem schwingt der ganze Körper. Alle Organe sind der Resonanzraum für den Klang. Gesang geht durch und durch und erfasst den ganzen Menschen. Wo das Evangelium gesungen wird, klingt das lebendige Wort durch Mark und Bein. Gesang ist die lebendigste Form der Mitteilung, auf hoch emotionaler Ebene. Wo man singt, das lass dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder, sagt der Volksmund. Die christliche Gemeinde war von Anfang an einen singende Gemeinde. Das hat damals schon die Römer verwundert und verunsichert. Wo das Gotteslob erklingt, sprengen bei Paulus und Silas die Ketten im Gefängnis. Da klingt das, von guten Mächten wunderbar geborgen, von Dietrich Bonhoeffer aus der Gestapo Zelle. Im Lobgesang beben Gitterstäbe und schwingen Herzen. Im Lobgesang klingt der Überwindergeist. Wer lobt, überwindet sich selbst, in allen erniedrigenden Umständen. Vor dem Gotteslob zittern alle finstern Mächte. Im Lobgesang wird das Schwache stark. In diesem Gesang entfaltet sich die ganze Macht des Wortes. Da wird der Mensch zum klingenden Wort und erfährt darin die verwandelnde Kraft. Darin liegt ein sich überschlagender Mut, eine geballte Hoffnung und ein liebevoll getröstet werden. Wo wir uns im Lobgesang verausgaben, fließen uns gleichzeitig heilende und aufbauende Kräfte zu. Der Lobgesang verankert aktives Handeln Gottes, in dem was schwach geworden ist. Wer dem Herrn singt, hat die beste Medizin gegen Schwermut und Anfechtung. Lobende Menschen haben die Herzen im Himmel und die Beine auf der Erde.

Wo der Lobgesang schwach wird, wo unsere Saiten nicht mehr klingen, fängt ein Klangkörper an zu verstauben. Da verstimmt unser Instrument und hat seine erhebende Kraft verloren. Am Lobgesang lässt sich die Gemeinde und der Einzelne messen. Wo das Lob verstummt, stirbt der Glaube. Zwischen Loben und Leben besteht ein unmittelbarer Zusammenhang. Wer unter seinem Schicksal verstummt, hat kein Instrument mehr, um sich über die Niederungen zu erheben. Klagelieder haben keine Kraft, die Lasten zu durchbrechen. Im singet dem Herrn liegt die Antwort.

Welcher Gesang liegt uns auf den Lippen, wenn die Probleme größer werden?

Der Flügel ist sicher

Was ein Adler unter seinen Flügeln hält ist ihm heilig.

„Wie köstlich ist dein Güte, Gott, dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben!“
Ps. 36, 8

Adlerjungen sind Glückspilze. Sie brauchen sich um nichts zu sorgen. Was der Adler schützt, ist geschützt. Da werden Flügel zu unüberwindbaren Mauern. Für die Jungen eine sichere Zuflucht, in der sie die Gefahren der freien Wildbahn überleben. Wird der Adler ausgeschaltet, wird seine Brut angreifbar. Dieses Bild steht für einen Menschen in Gott. Gott steht und garantiert unser Dasein. Wir sind die heilige Brut, auf die er sein Auge wirft. Zu diesen Flügeln kann der Mensch sich flüchten. Jeder kleine Vogel weiß um diesen Ort, wenn´s brenzlich wird. Da ist ein größeres Vertrauen in den Zufluchtsort, als in den eigenen Kampfgeist. Jede Jungbrut weiß um den sichersten Ort unter dem Flügel. Das ist Güte, in dessen Schutz das Leben liegt.

Wenn wir allein unseren Körper, den ganzen Organismus betrachten, was sich dahinter für ein Gesundheitssystem verbirgt, sehen wir an der Macht der Regenerierungskräfte, die wie Flügel über unserem Leben sind. Jede Verletzung, jede Krankheit ist eine Störung des Gleichgewichtes im Körper, wo sofort die Gesundheitspolizei mobilisiert wird, die für Ausgleich und Heilung sorgt. In uns laufen so viele Schutzfunktionen ab, dass wir eine Rettungsstation in uns selbst haben. Wir sind von Güte berührt und durchdrungen. Gottes Schutz ist hautnah. Dem können wir bedingungslos vertrauen.

Paulus bringt das auf den Punkt: Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat. Er kämpft gegen das Wegwerfen. Denn wenn das Vertrauen weg ist, ist der Schutz weg. Ohne Vertrauen keine Zuflucht. Wer Gott nicht mehr vertrauen kann, schadet seinem Leben. Vertrauen ist Leben, Misstrauen nimmt Leben. Da dreht uns eine Hassspirale in den Untergang. Mit Misstrauen, werden wir innerlich und äußerlich aufgefressen. Da versauert die ganze Existenz. Das Vertrauen ist der Glaube an die Güte. Wo wir in den Widerwärtigkeiten der freien Wildbahn Vertrauen wagen, haben wir Zuflucht. Im Gottvertrauen ist der Schutz größer als die Gefahr. Vertrauen ist das Ja zu dem, dass der, der die Flügel über uns ausbreitet, es gut macht. Vertrauen ist köstlich.

Warum kann das Misstrauen so viel Schaden anrichten, wo doch ein Flügel über uns schwebt?

Durchfallen unmöglich

„Ich stehe zu dir, egal was kommt!“ Das steht in Stein gemeißelt über unserem Leben.

„Israel, du sollst mein Knecht sein; ich erwähle dich und verwerfe dich nicht.“Jes. 41, 9

Wer solche Worte ausspricht, ist eine umwerfende Persönlichkeit. Gott macht eine Treue-Aussage ohne Wenn und Aber. Wer von ihm einmal erwählt ist, ist für immer erwählt. Erwählen und nicht verwerfen sind bei ihm eins. In seinem zu dem Menschen stehen, ist Gott so stark, dass das für alle Zeiten hält. Völlig unabhängig, wie der Mensch sich verhält. Bei aller Untreue des Menschen, kann Gott nur treu sein. Da ist eine gefestigte Macht, eine unerschütterliche Liebe, die sich durch nichts aus der Bahn werfen lässt. Egal welchen Mist die Menschen bauen, ob sie Gott aus der Schule laufen, oder ihm ins Gesicht schlagen, das irritiert ihn nicht. Sein Erwählen wird ihn nie reuen. Und das in einer Zeit, in der die Menschen quasi zum Loslassen und Aufgeben erzogen werden. Wenn es dick kommt, schmeißt man die einst gute Beziehung hin. Da zählt nichts mehr. Erwählt und doch verlassen. Doch bei Gott sieht die höchste Form der Erwählung so aus, dass Christus zu dem Verbrecher am Kreuz spricht: Heute noch, wirst du mit mir im Paradies sein. Was der Mensch auch verbockt hat, Gott steht zu ihm. Selbst die größte Schuld kann ihn nicht schockieren. Gott ist absolut enttäuschungsresistent. Wer solch eine Treue an den Tag legt, ist sich selbst treu. Er ist nicht von Stimmungen und Tageslaunen abhängig. Liebe ist eine Größe, die ja sagt und beim Ja bleibt, und wenn die Welt Kopf steht. Wo ein Vater in solch einer Beharrlichkeit hinter seinem Sohn steht, steht eine unzerbrechliche Hoffnung über seinem Leben. Egal, welchen Bock er schießt, welche Bauchlandung er macht, da steht ein Auffänger daneben. Wo die Treue regiert, kann kein Mensch ins Bodenlose fallen. Gott erwählt, das steht für alle Zeiten fest. Gottes Treue heißt, dass er auch am tiefsten Punkt unseres Daseins gegenwärtig ist.

Zu aller Zeit sind wir in diese Gegenwart gestellt und zum Knecht sein berufen. Wir stehen in einem höheren Dienst, trotz unserer Untreue. Seine Treue stellt uns nach jedem Versagen sofort wieder an die Arbeit. Wir können lückenlos weitermachen, auch nach jedem Scherbenhaufen, den wir produziert haben. Wir bekommen keinen Stempel wie bei der Musterung aufgedrückt, auf dem steht: Untauglich. Der Treue schafft mit den Untreuen sein Werk. Wer nicht verworfen ist, wer nicht weggeworfen wird, kann mit großem Mut weitermachen, egal was ist und was war.

Warum sollten wir über irgendetwas verzweifeln, wenn da einer fest zu uns steht und an uns glaubt?

Die Harmonie der Gegensätze

10.12.17, Jes. 63, 15-16, 19b 64,1-3

Fotografie ist malen mit Licht. Es ist die Kunst die Kontraste von Schwarz und Weiß zu einem Kunstwerk zusammenzufügen. Die Gegensätze machen das Bild. Je stärker man die beiden Extreme herausarbeitet und gekonnt miteinander verbindet, umso eindrucksvoller die Geschichte die bleibt.

Einer der ganz großen noch lebenden Fotografen ist der Brasilianer Sebastiao Salgado. Immer wieder hat er die Welt in Licht und Schatten geschrieben und gemalt. Wie kaum ein anderer, hat er ein Portrait von Tragik und Hoffnung der Menschheitsgeschichte geschaffen. In einem riesigen Loch und Abhang hat der Rausch von über 50.000 hart arbeitenden Männern eingefangen, die in einer brasilianischen Goldmine ihr Glück suchten. In den achtziger Jahren gingen seine erschreckenden Bilder um die Welt, wie er in der Sahelzone die Hungersnot von Äthiopien dokumentierte. Zu Herzen gehende Geschichten, die mit Kontrasten gemalt wurden. In seinem Lebenswerk hat er den Himmel und Hölle der Erde in Licht gezeichnet.

Heute geht es um Kontraste, um Gegensätze im Glauben.

  • Das helle Weiß

 du vollbringst so furchterregende Taten, wie wir sie uns nicht vorstellen können. Denn noch nie ist einem so etwas zu Ohren gekommen. Seit die Erde besteht, hat noch niemand von einem Gott wie dir gehört oder einen Gott gesehen, der es mit dir aufnehmen könnte. Nur du kannst den Menschen, die auf dich vertrauen, wirklich helfen. 

Ein Gottesbekenntnis, das alles in den Schatten stellt. Hier wird ein Gottesbild gezeichnet, das an Glanz und Leuchtkraft nichts zu wünschen übriglässt. Gott widerspruchslos alles in allem. Gott in seiner ganzen Heiligkeit und Unantastbarkeit. Ein Lobgesang und eine Anbetung in vollendeter Form, das nach dem großen Halleluja von G. F. Händel klingt. Das ist das Material, aus dem Reich Gottes gestrickt ist. Hier schwärmt ein Mensch über eine Erhabenheit, die über seinem Leben steht. Er erkennt die großen Zusammenhänge, in die das Dasein eingebettet ist.

In der Tiefe ist es das makellose Gottesbild, das in jedem Menschen schlummert. Das ist die heile Welt, nach der sich jeder sehnt. In dieses schöpferische Reich möchte sich der Mensch gerne hineinflüchten, um der trostlosen Welt zu entfliehen. Diese Herrlichkeit Gottes ist jedoch ein unsichtbarer Hoheitsbereich. Da gibt es nichts zu fassen und nichts zu begreifen. Das natürliche Denken kommt hier nicht mehr mit. Wo Herrlichkeit ist, kann man nichts mehr sehen, sondern nur noch glauben. Das helle Weiß ist für das menschliche Auge nicht wahrnehmbar. Das reine Licht ist für Menschen unerträglich. Gott schützte z.B. Mose vor einer Überdosis Herrlichkeit, als er sich in eine Felsspalte zurückziehen sollte, damit Gott mit seiner ganzen Güte an ihm vorüberziehen konnte.

Herrlichkeit, unsichtbares, reines Weiß.

  • Das dunkle Schwarz

Warum setzt du dich nicht mehr mit ganzer Kraft für uns ein? Wo sind deine großen Taten? Warum hältst du dich zurück? Schlägt dein Herz nicht mehr für uns? Ist deine Liebe erloschen? 

Wenn das Leben zuschlägt, ist ganz schnell Schluss mit lustig. Wo der Mensch nur noch das sieht, was er vor Augen hat, fängt ganz schnell der Katzenjammer an. Nur sehen, beschränkt. Sehen ohne Glauben macht krank. Vor lauter Elend, sieht man keinen Gott mehr. Großes Jammern, wenn mehr schwarz als weiß da ist.

Warum mutet Gott meinem Vater einen lebensbedrohlichen Herzinfarkt zu? Warum müssen wir unseren Enkel schon in jungen Jahren hinaustragen? Warum muss dieser Unfall passieren, wo ich mir doch keine Fahrfehler vorwerfen kann? Ist bei Gott die Liebe ausgegangen? Wo ich hinschaue, nichts mehr von der großen Güte, sondern nur noch Enttäuschung und Bitterkeit. Gebete sind Klagelieder und Vorwurfsgesänge geworden. In dieser inneren Zerrissenheit leidet der Glaube an seiner Vorläufigkeit. Der Verstand zerbricht, weil er etwas fassen will, was er nicht fassen kann.

Martin Buber sagt: „Die Gottesfinsternis ist der Zustand, in dem die Gotteswirklichkeit durch anderes verdeckt ist.“

Gottesfinsternis beschreibt das Sündersein. Es ist das Kreuz der Menschheit. Finster wurde es nicht, weil Gott sich zurückgezogen hätte, sondern der Mensch. Der Mensch ist der Anfang der Nacht. Somit gehört Anfechtung zum Tagesgeschäft des Glaubens. Die Welt ist für den Menschen fassbare, sichtbare und greifbare Materie. Wäre Gott ein Teil der begreifbaren und fassbaren Welt, hörte er auf Gott zu sein.

Das ist die Anfechtungssituation die niemand überspringen kann. Das Kommen Gottes im Advent, ist ein Glauben, aber noch nicht Schauen. Im Glauben entsteht das eindrückliche Lichtgemälde mitten im Schwarz.

  • Die Kunst der Kontraste

Du, HERR, du bist unser Vater. »Unser Erlöser« – so hast du von jeher geheißen. Ach, Herr, reiß doch den Himmel auf und komm zu uns herab!

Die besten Bilder in der Fotografie entstehen, wenn der ganze Dynamikumfang von schwarz und weiß voll ausgeschöpft werden. Wenn eines von beiden überwiegt, wird das Foto milchig, graustichig oder zu hart und ohne charmante Zwischentöne. Die gekonnte Mischung schafft den Wert. Der Glaube ist die gekonnte Mischung zwischen Herrlichkeit und Anfechtung, zwischen Gotteserkenntnis und Sündenerkenntnis, zwischen Vollkommenheit und Vorläufigkeit. Advent mischt den offenen Himmel mit der aufgerissenen Erde. Da malt Christus mit der Schuld der Welt ein neues Bild. Da zeichnet das Licht seine Geschichten in die Nacht. Wo sich diese beiden Gegenpole verbinden, entsteht ein neues Kunstwerk. Das Heil ist Gottes Kunstwerk, das sich zwischen Krippe und Kreuz entwickelt.

„Er hat sich so mit uns verbündet, dass trotz der Unsichtbarkeit Gottes, trotz der noch bestehenden Anfälligkeit unseres Glaubenslebens, trotz der Unentrinnbarkeit des Sterbenmüssens, unser Kindesrecht bei Gott – „du bist doch unser Vater“ – außer jeder Frage steht.“ sagt Gottfried Voigt.

Weil Christus herabsteigt, ist der Himmel offen. Da sehen nicht die Augen die Herrlichkeit, sondern da erfährt der Glaube den realpräsenten Gott. Wo die Anfechtung und die Brüchigkeit des Menschen zum Himmel schreit, glaubt sich der Glaube gegen Gott zu Gott durch. Ohne diesen Kampf, ohne diese spannungsgeladenen Gegensätze, könnte der Glaube kein Vertrauen zu Gott aufbauen. Echter, wahrhafter Glaube wird erst im Widerstand zum Sehen, zum Glaube.

„Du bist mein Vater, gerade dort wo ich nichts mehr verstehe.“ „Du bist mein Vater, auch wenn die ganze Welt über mir zusammenbricht.“ Der Glaube gibt Gott dort recht, wo Augen und Verstand das Gegenteil behaupten. Im menschlichen Widerspruch und in der größten Anfechtung, geht ihm dabei der Himmel auf. In den größten Kontrasten entsteht das Geheimnis des Glaubens. Er braucht die Nacht, dass darin ein Licht aufgeht. Er braucht das Unglück, das man darin die Übermacht von Herrlichkeit erfährt.

Ein Leben, das nur weiß enthält, wäre ein schwärmerisches Leben, das keine Bodenhaftung hätte. Es wäre nur ein frommer Schein. Das Leben, das nur schwarz enthält, würde hoffnungslos in der Vergänglichkeit untergehen. Es würde in der Lethargie stecken bleiben. In der Harmonie der Gegensätze bewegt sich der Glaube. Da malt das ganze Gott Sein, mit dem ganzen Menschsein, ein wertvolles, unvergleichliches Kunstwerk.

Entsteht da nicht ein Bild, das um die Welt geht und Herzen unvergesslich berührt?

Vertrauen gegen allen Anschein

Für Verlassenheitsängste gibt es nur einen Platz.
„Herr, warum stehst du so ferne, verbirgst dich zur Zeit der Not?“

Ps. 10, 1
Auch der Glaube kennt Dürrezeiten. Zeiten, in denen das „Warum“ triumphiert. Leere, Ausweglosigkeit, Nacht. Da rennt der Glaube an Wände und findet seinen Gott nicht mehr. Die Warum-Frage wird von Sinnlosigkeit gequält. Suche ohne Antwort. Der Gott der Nähe schweigt. Doch interessant ist, dass das Warum nicht in den luftleeren Raum hinausgeschrien wird. Das Warum wird zu einer Frage, zu einem Verzweiflungsgebet, zur Anklage und zum Schrei nach Gott. „Warum lässt Gott das zu? Warum geschieht das ausgerechnet mir? Die Hilflosigkeit sucht eine Adresse, einen Ansprechpartner. Es ist ein vorsichtiges oder ärgerliches Suchen nach Licht. Auch wenn wir immer wieder sagen, dass es auf Warum-Fragen keine Antworten gibt, zeigt sich, dass die scheinbare Gottverlassenheit zu Gott treibt. 
Selbst Jesus klagt am Kreuz seinen Vater an: Mein Gott, warum hast du mich verlassen? Der Gottessohn schreit seine Not zum Himmel. Sein Weg führte durch die dunkelste Stunde seines Lebens zur Herrlichkeit. Er durchschritt den schrecklichsten Punkt, des von Gott weggerissen Seins, zur Befreiung aller Menschen aus der Gottverlassenheit. Sein Warum-Schrei bekam in der tiefsten Sinnlosigkeit seinen Sinn. Im Zeitpunkt des Warums, steht der Mensch vor Gottes heiliger Autorität. Da begegnet er einer Größe, die menschlich nicht mehr fassbar ist. Wie will eine Ente, einen Adler verstehen können. Die Welt Gottes spielt in einer anderen Liga. Unendliches Licht ist nicht für den Verstand gemacht.
Wo uns das Licht verborgen ist, offenbart sich unsere Welt des Glaubens und noch nicht Schauens. Gottes Reich ist zu aller Zeit gegenwärtig, doch für uns noch anfangsweise und verborgen. Solange wir auf der Erde leben, ist Herrlichkeit gegenwärtig, doch für uns nicht in dem Maße sichtbar, wie sie wirklich ist. Nur im Glauben mischen sich diese beiden Welten. Wo das Warum das Leben quält, findet der Glaube den Weg durch die Nacht. Die Zeit der Not, will im nicht sehen, das Vertrauen wecken. Wo das Warum zum Himmel schreit, findet der Glaube den nahen Gott. Im Glauben können wir mit dem umgehen, was wir nicht verstehen. Vertrauen ist ein Wagnis gegen allen Anschein. In unserer Ohnmacht, können wir nur dem Mächtigen Raum geben.

Was hindert uns, im Zweifel dieses Vertrauen zu wagen? 

Spiel mal mit Licht

Licht beendet das Drama der Dunkelheit. 
„Kommt nun, lasst uns wandeln im Licht des Herrn!“

Jes. 2, 5
Der mitreißende Seitenhieb eines Entdeckers. Kommt nun, kommt endlich ist ein Wachrütteln aus der Lethargie. Fische nicht mehr weiter im Trüben. Es ist ein dramatischer Aufschrei, weil einer den Schalter entdeckt hat. Das Tasten und durch die Nacht schleichen ist vorbei. Endlich ist Licht in Sicht. Licht am Ende des Tunnels, Licht in den Schatten des Lebens. Licht in der Verzweiflung verändert alles. Das Licht des Herrn bricht die Nacht der Menschen um. Christus ist der Umschalter im Drama des Lebens. Mit ihm erschrickt die Finsternis. Da ziehen sich die Nebel zurück, die wie eine Dunstglocke alle Sicht versperrt haben. Gott macht mit Christus das Licht an. 
Kommt nun, ist das Anstacheln für alle, denen die Lichter ausgegangen sind. Unsere Tage sind voll Enttäuschungen, Bitterkeit und Trauer, wo am Ende mehr Frust als Dankbarkeit steht. Es ist nicht die große Bedrohung eines evtl. 3 Weltkrieges, die uns zu schaffen macht, es sind vielmehr die vielen kleinen Verwundungen im Miteinander, die belasten und lähmen. Das nicht mehr wollen und können, das keinen Ausweg sehen, das sinnlose ertragen müssen, sind die Nächte unserer Tage. Dahinein kommt dieses Herausreißen des Lichtes. Christus ist genau für die Unerträglichkeiten gemacht. Er ist der Umschalter im Kleingedruckten unseres Daseins. Das Licht ist nicht für die sonnigen Zeiten gemacht, sondern genau für die grauen und schweren Tage. Es gibt den Aussichtlosen eine Perspektive, und denen die nichts mehr zu hoffen haben, festen Boden unter die Füße. In diesem Licht, verliert selbst die Stunde des Todes ihren Schrecken.
Wir sind Kinder, die mit diesem Licht spielen. Bei diesem Spiel zieht sich Dunkelheit geschlagen zurück. Da brauchen wir gar nicht viel machen, wir müssen nicht verkrampft Licht generieren, wir strahlen durch das Licht, das uns umgibt. Das Licht ist unser Aufenthaltsort, unser Wegbegleiter. Damit wird es in uns hell und wir werden zum Leuchtfeuer für die Nächte der Menschen.
Macht solch eine Einladung nicht Lust, mit dem Licht zu spielen?  

Niederlagen halbieren

Wer betet, steht schneller wieder auf.
„Wer des Herrn Namen anrufen wird, der soll errettet werden.“Joel 3, 5
Es gibt gewaltige Unterschiede, ob ein Mensch nach Lebensbrüchen liegen bleibt oder wieder zum Stehen kommt. Beten entscheidet über erschlagen sein und Aufstehen. Wer Herrn anruft, bleibt nicht mehr bei sich. Er bleibt nicht bei der Tatsache stehen, dass er in Einzelteilen auf der Straße liegt. Beten ist das sich einem anderen anvertrauen. Wer betet traut Gott mehr zu als sich selbst. Da fängt der Glaube an aufzuleben. Wo ein Mensch zu Gott ruft, holt er sich die höchste Hilfe ins Boot. Im Rufen zeigt er, dass er bereits ein von Gott Angerührter ist. Gott ging ihm mit vertrauensbildenden Maßnahmen voraus. Wenn sich Gott nicht immer wieder als der Helfende und Heilende offenbaren würde, würde kein Mensch den Glauben wagen. Wo wir rufen, hat Gott schon etwas in uns hineingelegt. Im Beten antworten wir Gott mit unserem Vertrauen.
Wie kann es hell werden, wenn unser Beten verstummt? Alles Leben ist mit dem Sterben durchdrungen. Jedes Miteinander wird von Frust belastet. Es ist normal, dass ein verunglückter Motorradfahrer, der unter der Leitplanke durch auf die Gegenfahrbahn geschleudert wird und dabei nicht überlebt, uns die Sprache verschlägt. Überall ist Niederdrückendes und Erschlagendes. Trauer tut weh. Nicht verstanden werden schmerzt. Aggressionen des anderen ertragen zu müssen, bringt auf die Palme. Doch genau hier können wir doch nicht die Segel streichen. Wo wir in unserer Hilflosigkeit an Grenzen stoßen, ist doch die Welt nicht zu Ende. Wer hier nicht beten kann bleibt liegen. Wir selbst entscheiden, ob wir im Jammern über unsere Hilflosigkeit versauern, oder im Glauben Hilfe erfahren. Wer im Unheil der Welt stecken bleibt, dreht sich um sich selbst. Wer sich auf sich selbst verlässt, bleibt verlassen, wer anfängt zum Herrn zu rufen, lässt den Frust hinter sich. Nicht, hilf dir selbst, dann hilft dir Gott, sondern lass Gott ran, dann ist dir geholfen. 
Anrufen ist Frustabbau. Beten bringt den Lebensschaffenden ins Sterben. Beten setzt unsere innere Unruhe mit dem Heil in Beziehung. Im Beten beginnt die aufgescheuchte Seele zu genesen. Wo uns das tägliche Miteinander zu schaffen macht und wir Tage und Wochen brauchten um damit fertig zu werden, hilft unser Anrufen, diese Zeit auf Stunden oder Minuten zu verkürzen. Beten ist die Hilfe, die uns in harten Schlägen wieder schnell ins Leben zurückholt. Beten rettet uns aus den ständigen Absackern, weil es sich der Güte anvertraut.
Wie schnell stehen wir in den Krisen unserer Tage wieder auf?