Heilige Vorbilder

Petr. 5, 1-3 

Was gute Unternehmen auszeichnet, sind gute Führungskräfte. Die Wirtschaft sucht heute nicht nur gute Fachkräfte, sie sucht gute Chefs. Vorzeigeunternehmen entstehen nicht nur durch gute Mitarbeiter, sondern durch ausgezeichnete Führungskräfte, die ihre Rolle richtig verstehen. Der einstige Marktführer für Handys, Nokia, erlebte einen gewaltigen Absturz in seiner Firmengeschichte und ist inzwischen eine bedeutungslose Marke unter den Smartphones. Die große Frage, die im Raum stand war, sind die über 200.000 hochmotivierten Mitarbeiter schuld an diesem Niedergang, oder die elf Führungskräfte? Sehr schnell war klar, es war die Geschäftsleitung, die eine Entwicklung verschlafen hat. Es waren die Chefs, die das Unternehmen ruiniert haben.

Petrus nimmt sich die Gemeindeleiter hart zur Brust, und verdeutlicht ihre Rolle als Führungskräfte.

  1. Im Chefsessel

Versorgt die Gemeinde gut, die euch Gott anvertraut hat. Hütet die Herde Gottes als gute Hirten, und das nicht nur aus Pflichtgefühl, sondern aus freien Stücken.

Wer im Reich Gottes Menschen anvertraut bekommt, muss als erstes lernen, das ist kein Privileg, sondern ein Dienst. Gott erteilt eine Verantwortung für andere. Es geht nicht um den Hirten, sondern um die Herde. Eine Herde muss satt im Futter stehen. Sie braucht beste Wiesen, maximalen Schutz, um Milch, Wolle, Nachwuchs und Fleisch zu produzieren. Die Mitarbeiter brauchen beste Voraussetzungen, um optimale Ergebnisse auf den Tisch zu bringen. Die Aufgabe des Hirten ist nicht mitzugrasen, sondern das Grasen zu ermöglichen. Für eine Führungsaufgabe muss ein ganz neues Rollenverständnis wachsen. Wo die Herde innerhalb des Zaunes ihre Arbeit macht, muss der Blick des Hirten weit über den Zaun hinausgehen. Er hält Ausschau nach neuem Weideland, er verhandelt Pachtverträge aus, die ihm für eine weitere Nutzung zur Verfügung stehen. Er wird sich um die Vermarktung von Wolle und Milch kümmern. Würde der Hirte nur mit auf der Wiese stehen und mit der Herde das Tagesgeschäft erledigen, wäre er in diesem Moment ein besseres Schaf, würde jedoch seine Führungsrolle vernachlässigen.

Ein Leiter trägt dafür die Verantwortung, dass die ihm Anvertrauten sich gut entwickeln. Er hat die Aufgabe Mitschöpfer Gottes zu sein. Gott mutet es ihm zu, die Veranlagungen, die er in seine Geschöpfe gelegt hat, freizulegen und zu fördern. Die Führungsrolle in einer Gemeinde ist eine Entwicklungsrolle. Jeder soll zu seinem Besten geführt werden. Gottes Potenziale sollen in jedem einzelnen zur vollen Entfaltung kommen. Für jeden aus seiner Herde muss er erkennen, was für ihn das Voranbringenste ist. Braucht er jetzt mehr Löwenzahn, oder einen kurzen Biss vom Schäferhund, damit er sich im Dickicht nicht verirrt? Der Hirte steht an Gottes Stelle. Er versteht sich selbst als ein beauftragter Führer, der darauf brennt, diese gute Führung weiterzugeben. Er hat den Weitblick dessen, der das große Ganze im Auge hat. Er lebt in dem Bewusstsein, von meinem Umgang, von meiner Führung lebt und fällt die Gemeinschaft. Auf dem Chefsessel der Gemeinden sitzen daher nicht die Macher, sondern die Diener.

  1. Leiter oder Mörder

Seid nicht darauf aus, euch zu bereichern, sondern arbeitet gern, auch ohne Gegenleistung. 3 Spielt euch nicht als die Herren der Gemeinde auf, sondern seid ihre Vorbilder.

Unternehmen gehen den Bach hinunter, wenn sich die Chefs die eigenen Taschen füllen, sich von Werten verabschieden und die andern die Rechnung zahlen lassen. Das gleiche gilt bei einem Amt in der Gemeinde. Führen Herren oder Vorbilder ist eine Existenzfrage. Wo Herren die Kirche regieren, bleibt der Herr der Kirche vor der Türe. Wer selber führt, wer mit Menschen zu tun hat, steht nicht über anderen, sondern unter Christus. Unter diesem Führungsverständnis werden wir selbst dem anderen zum Christus, der ihm die Füße wäscht. Wo diese Auffassung von Dienst verlassen wird, wird der Hirte zum Schlächter einer Gemeinschaft. Da stehen Besserwisser auf, die andere nicht fördern, sondern kurzhalten.

Da kann sich jeder, der mit anderen zu tun hat, selbst überprüfen.

  • Baue ich den andern auf durch meine Worte?
  • Locke ich ihn fordernd aus der Reserve?
  • Wird er durch meine Führung größer oder kleiner?
  • Will ich ihm nur klar machen, was für ein toller Hecht ich bin und welche Erkenntnisse ich ihm voraushabe?
  • Steht der andere im Fokus, oder ich selbst?
  • Diene ich, oder beanspruche ich?

Dort wo Christus mit Absolutheitsaussagen aufgetreten ist wie, ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, hat er sich damit nicht von anderen abgehoben, sondern ihnen gedient. Er brachte die Gottesnähe näher zum Menschen. Er wollte dadurch den Menschen in seiner Einzigartigkeit in Gott entwickeln. Er hatte einzig Rettungsabsichten und führte von Magermatten zu saftigen Wiesen. Führungsverantwortung, die sich nicht ganz in den Dienst der anderen stellt und der großen gemeinsamen Sache, ruiniert eine Gemeinschaft. Die Regel von Taizé sagt: Wer fordernd vor oder in eine Gemeinschaft tritt, zerstört sie. Wer irgendwelche eigene Motive pflegt, wird vom Leiter zum Mörder. Wer nicht gerne hart und uneigennützig arbeitet, kann nicht zum Vorbild für andere werden. Gott braucht für seine Arbeit mit Menschen, nicht die Perfekten und Makellosen, jedoch die Willigsten, die sich entwickeln lassen, um andere zu führen.

  1. Agenda 100

Ich selbst habe die gleiche Aufgabe wie ihr, bin ein Zeuge der Leiden von Christus und werde auch an seiner Herrlichkeit Anteil haben, wenn er kommt.

Petrus setzt höchste Maßstäbe an Führungskräfte. 100% Christusgemäß. Nicht ein bisschen fromm, so gut es eben geht, sondern mit dem höchsten Ziel, das ein Mensch anstreben kann. Führung heißt, an der Herrlichkeit teilhaben. An der Herrlichkeit teilhaben, dahin führt der Stellvertreter Christus auf Erden, das ist das Petrusamt, von dem alle Führungsrollen abgeleitet sind. Um diesen hohen Anspruch geht es in der christlichen Menschenführung. Diesen Anspruch hat Christus an jeden, den er beauftragt. Er gibt sich nicht zufrieden mit 10, oder 50, oder 70%. Er schreibt auf seine Agenda 100%. Das ist die Zielvorgabe für Reich-Gottes-Arbeiter. Wo es um Herrlichkeit geht, geht es ums Ganze, es geht um Alles. Das muss Jüngern Jesu unter den Nägeln brennen. Wer weniger als 100% auf seine Agenda setzt, hat nicht Herrlichkeit vor Augen. Den kann Christus nicht gebrauchen, weil er der Gemeinde mehr schadet als nützt.

Am Herzen Gottes führen heißt, sich mit Christus zur Herrlichkeit durchleiden. Der Glaube hat den Mut, seine Mitmenschen in eine andere Welt zu versetzen. Mit ganzem Einsatz und voller Kraft, sind wir dafür verantwortlich, dass jeder aus der Herde dieses Ziel erreicht. Da geht es nicht um einen netten Spaziergang über eine Schlüsselblumenwiese, sondern um die persönliche Entwicklung, um die Tüchtigmachung eines jeden Einzelnen, der sich mit auf diesem Weg befindet. Einige lassen sich dabei mühelos und willig führen, andere sind dagegen widerspenstig. Da gilt es Liebe und Hartnäckigkeit zu paaren. Manche laufen mit einem kleinen Schupser in die richtige Richtung, bei andern sind es Kampf und Leidenswege, bis er das Ziel Herrlichkeit erkennt.

Gott selbst hatte damals bei der Befreiung Israels aus der ägyptischen Gefangenschaft, erst Mose für diese Aufgabe überreden müssen, um Pharao die Stirn zu bieten. Mose sah sich dieser Aufgabe nicht gewachsen. Pharao war derart stur, dass ihm Gott erstmal mit zehn schrecklichen Landplagen alles hat kurz und klein schlagen müssen, damit er das Volk ziehen ließ. Dann kam der Durchzug durch das Schilfmeer. Das erwählte Volk kam durch, die verfolgenden Ägypter kamen um. Zwei Wochen danach reichten, dass die frommen Israeliten der Führungskraft in der Wüste wieder zu schaffen machten. Wo bleibt Wasser, wo bleibt Manna?

Selbst für glaubende Menschen, die trotz erfahrener Wunder immer wieder neu zu zweifeln anfangen, braucht es handfeste Führungsgestalten, die in der Etappe immer neu, das gelobte Land aufzeigen. Gott braucht Führungskräfte, die ein starkes Gespür entwickeln, wo getröstet und wo motiviert werden muss. Daher sucht er Hirten mit der Agenda 100. Es sucht nach menschlichen und geistlichen Qualitäten. Er sucht die Geschmeidigen, die Willigen, die Veränderbaren, die Herrlichkeit vor Augen haben und dafür bereit sind alles zu leiden. Er sucht dich und mich. Er will durch Christus uns zu heiligen Vorbildern machen.

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Über das Schicksal hinauswachsen 

Das was größer ist als wir, zieht uns an, trägt uns und baut uns auf.
„Der Herr ist groß und sehr zu loben, und seine Größe ist unausforschlich.“

Ps.145, 3
Die unausforschliche Größe Gottes, ist genau das, was ein Mensch braucht, um als Person zu reifen. Das Kleine entwickelt sich am Großen. Ein großer Gott ist das Beste für die Weiterentwicklung des Menschen. Sich am Großen orientieren öffnet den Horizont und schafft Wachstum. Das Große ist Halt und richtet das Schwache auf. Größe erhebt über Niedrigkeit. Größe tröstet. Größe lässt aufblicken. Wo der Mensch nichts Größeres und Stärkeres hat als sich selbst, verkümmert er. Der Mensch bildet sich am Gebildeten, sagt ein geflügeltes Wort. Er lebt und baut sich auf an dem bereits Geschaffenen. Gestern zeigten wir die Multimediaschau Dalmatien in unserem Theater. Landschaften, Wasserspiele, markante Gesichter, großartige Bauwerke, Gegenlichtspiele an Fischerbooten und der Gesang der ungezählten Inseln versetzten in eine andere Welt. Geschaffenes sehen, den Spuren eines fantasievollen Schöpfers zu folgen, berührt und setzt gewaltige Bilder in alles Alltägliche. Größe Gottes löst im Menschen etwas aus. Wenn wir allein durch die Schönheit der Schöpfung, durch ein unendliches Weltall faszinieren lassen, weckt es unser Erstaunen und Faszination, doch seine Größe ist noch viel mehr. Seine Größe will nicht nur bewundert werden, sie will formen und gestalten. Die Größe Gottes liegt nicht in erster Linie in seinem Schaffen, sondern in seinem Sein. Größe, die sich in seinem Beziehungswillen und Erbarmen äußert. Größe Gottes bündelt sich erfahrbar in Christus. Darin bekommt seine Größe formende und gestalterische Kraft. In Christus ist der Mensch mit dem Unerforschlichen zusammengefügt.
An diesem Punkt hinterlässt Größe seine Spuren an uns. Wir sind von der ganzen Fülle Gottes durchdrungen. Wir sind nicht nur von Schaffenskraft umgeben, sondern selbst von Schaffenskraft bewegt. Größe Gottes wird ganz konkret in uns. In einem sterblichen Leib, manifestiert sich unerforschlicher Geist. Da wird Größe zur treibenden Kraft. Da werden belastete Gemüter reichlich getröstet und Jammer gestillt. Durch diese Größe wachsen und reifen wir über unser Schicksal hinaus.
Wenn wir bei dem Großen zuhause sind, wie soll da das Kleine uns aus der Bahn werfen?

Unterweisung schafft Profil

sich unter etwas stellen, gibt dem Leben oft den eigentlichen Pfiff.
„Halte dich an die Unterweisung, lass nicht von ihr ab, bewahre sie, denn sie ist dein Leben.“

Spr. 4 13
Unterweisung riecht ungemütlich. Das klingt so nach klein machen, nach Drill, nach Fremdbestimmung. Irgenwie setzten sich da Beklemmungen im Kopf fest. Wenn wir diesem Wort jedoch nachspüren, ist es ein Drunterbleiben unter einer gewissen Wegführung. Da gibt einer die Richtung an, die existenzsichernd ist. Da gibt es ein wegweisendes Programm, in dem sich das ganze Dasein entschlüsselt. Soll heißen; bleibe in allem was dir widerfährt unter der Führung Gottes.
Die beengend anmutende Unterweisung hat einen schöpferischen Charakter. Nicht Einschränkung der Lebensentfaltung, sondern das Öffnen und befreit werden zu dem eigentlichen Potentzial liegt darin. Unter dieser Weisung zu stehen zündet ein Feuer in uns an. Bei dem Festhalten an dieser Führung gewinnt unser Leben. Da findet das Formen in unser Lebensprofil statt. Nicht das Loslösen von allen guten Lebesgesetzen macht die Qualität des Lebens aus, sondern das eiserne Festhalten am Drunterbleiben. Der Hauptgewinn vom nicht ablassen von Unterweisung ist nach Paulus die reine Liebe.
Wo wir „unten bleiben“, nimmt unser Dasein Formen an, die keine Selbsterziehung erreichen kann. Unter Gottes Geboten macht unser Leben Gewinn. Unter seiner Führung entwickelt sich unsere Einmaligkeit.
Warum verlangt in uns so wenig nach dieser gewinnbringenden Unterweisung?

Heiliger Schmerz

Röm. 5, 1-5

Heiliger Schmerz

Schmerzen können die Hölle sein. Schmerzen treiben Menschen in den Wahnsinn. Manche Schmerzen wecken eine Todessehnsucht. Wann ist endlich Schluss, mit dieser betäubenden Macht? Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr! Mir raubt das alles den Verstand. Wie viele endlosen Diskussionen gibt es, ab wann Leben nicht mehr lebenswert ist, und ab wann man es legal beenden kann. Zum Glück passiert in der medizinischen Forschung sehr vieles, für eine wirkungsvolle Schmerztherapie.
Doch Schmerz bleibt ein Problem, auch Fromme haben ein Problem mit dem Leid. Leid ist ein Makel, das es zu bekämpfen gilt. Leiden ist schlecht und muss schnellstens aus einem Leben verbannt werden.
Paulus sieht das anders.

1. Gut ist schon klasse

„Nachdem wir durch den Glauben von unserer Schuld freigesprochen sind, haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus. Wir können ihm vertrauen, er hat uns die Tür zu diesem neuen Leben geöffnet. Im Vertrauen haben wir dieses Geschenk angenommen. Und mehr noch: Wir werden einmal an Gottes Herrlichkeit teilhaben. Diese Hoffnung erfüllt uns mit Freude und Stolz.“
Solche Worte hören wir gerne – so völlig schmerzfrei. Sie sind das Hosianna des Christentums. Auf dieser Fülle der Gottesoffenbarung steht unser Glaube. Hier stehen wir mitten in der von Christus überwundenen Welt, am Anfang eines neuen Daseins. Gott wohnt in einem heiligen Raum. Erschreckend schön, erschreckend erhaben, erschreckend perfekt. Gott verwirklicht sich in der Fülle von Heil. Gott ist die Fülle von Heil. Christus nimmt uns mit hinein, in einen Raum voller Glanz. Wir dürfen da rein, wir sind privilegierte Dauerkartenbesitzer für Gottes heilige Welt. Sie ist kein Wunschtraum, sondern viel wahrhaftiger, als der Mensch sich träumen kann. Da gibt es einen Frieden, der sich jetzt bereits verwirklicht. Da gibt es das heilige Geheimnis, von etwas Ewigem, das schon unter Menschen aufkeimt. Da ist ein unfassbares Licht, das jetzt schon unter Menschen aufblitzt. Das ist Gottes Realität für geschüttelte Menschen.
Damit sich das alles verwirklicht, ist das mühsame Arbeit für beide Seiten. Das geht nur mit einem tiefgreifenden Umbau. Für das Heilige, muss Gott das Unvollkommene auf den Kopf stellen. Das Unheilige des Menschen, verträgt sich nicht mit seiner Herrlichkeit. Er braucht dazu den Schreck, dass der Mensch oft ein Geisterfahrer auf der Straße des Lebens ist. Gotteserkenntnis und das umgeformt werden in diese neue Welt, wird unter Schmerzen geboren.
Gut ist schon klasse, doch

2. Schlimmer ist besser

Wir danken Gott auch für die Leiden, die wir wegen unseres Glaubens auf uns nehmen müssen. Denn Leid macht geduldig,  Geduld aber vertieft und festigt unseren Glauben, und das wiederum gibt uns Hoffnung. 
Danken für Leiden? Welch ein Irrsinn. Wir danken für das Gute, für Geschenke, für das was uns aufbaut und voranbringt. Wir danken Gott für sein Heil und sein Erlösungswerk, für das, dass er uns für seine heiligen Räume vorgesehen hat. Und jetzt danken für das Schlechte, für das was kaputt  macht, für die Ausgeburt des Bösen, die sich an uns austobt? Danken für das Elend, für das Missverstehen, für unerträgliche Schmerzen, die unseren Glauben durchschütteln, und unser Gebet verstocken lassen?
Glauben muss leiden, sagt Paulus. Nicht, das kann unter Umständen auch einmal vorkommen, nein, Glauben und Leiden gehören zusammen wie Pech und Schwefel. Wer glaubt, kommt nicht um Leiden herum. Leid ist die Trauer einer von Gott abgefallenen Schöpfung. Es ist das ausgeliefert sein an das sündige Menschsein. Es ist das Aufleiden, wie Rilke es ausdrückt, des Unfalls im Garten Eden. Leiden ist das große Los des Unvollkommenen. Leiden isoliert betrachtet, wäre der Untergang des Guten. Leiden im Angesicht Gottes betrachtet, nährt die Hoffnung und baut das Gute. Leiden stellt zuerst unter Gott. Es führt den Menschen an seine Grenze und verschafft Gott einen größeren Handlungsspielraum. Leiden führt direkt zum 1. Gebot.
Das Leiden ist eine Leistung, eine Aufgabe, die es zu bearbeiten gilt. Im Leiden lernen wir, dem Leben keine Fragen zu stellen, sondern mit unserem Leben zu antworten. Gott will unsere Antwort, und ringt im Ausnahmezustand unseres Lebens um unser ja.
Viktor Frankl schreibt aus seinem KZ-Erleben: „Wir lehnten es ab, das Leid zu verharmlosen oder zu verniedlichen und uns darüber hinwegzutäuschen etwa durch billigen verkrampften Optimismus. Für uns war das Leiden zu einer Aufgabe geworden, die wir nicht mehr als sinnlos betrachten wollten. Tränen bürgten dafür, dass einer den größten Mut hatte: den Mut zum Leiden.“
Diesen Mut hatte Christus. Sein Leiden hatte den Sinn, eine ganze Welt von Schuld zu befreien. Reich Gottes wird in die gottlose Welt hineingelitten. Leiden ist nicht nur menschlich, sondern christlich, sogar göttlich. Leiden ist die Fruchtblase aus der neues Leben geboren wird. Wer Leiden als Leistung, als Aufgabe erkennt, wird darin nicht zerstört, sondern darunter ausreifen und in ein verändertes Dasein hineinwachsen. Wo sich Menschen dem Leiden stellen, gedeihen die Geistesgaben, von denen Paulus an anderer Stelle spricht. Leid macht geduldig, vertieft und festigt den Glauben und gibt Hoffnung. Die eigentliche Tragfähigkeit im Leben geschieht nicht durch die Geschenke, die wie Öl an uns herunterlaufen, sondern durch Lasten, die unsere Stabilität erhöhen.
Wer sich gegen Leiden wehrt, verabscheut das Kreuz Christi. Wer nur einen Halleluja Christus will, ist ein Flachwurzler, den es bei jedem Windhauch umhaut, der nicht für die Ewigkeit geschaffen ist. Er untergräbt seinen eigenen Tiefgang und die Ausreifung zur Herrlichkeit. Leid ist eine Wunderwaffe im Reich Gottes, die die eigentlichen Voraussetzungen für einen gefestigten Glauben und eine atemberaubende Hoffnung legt.
Darum ist Schlimmes so gut, weil es das Beste für uns vorhat.

3. Unmenschliche Reife

Und diese Hoffnung geht nicht ins Leere. Denn uns ist der Heilige Geist geschenkt, und durch ihn hat Gott unsere Herzen mit seiner Liebe erfüllt.“
Ohne Leiden wäre der Mensch hoffnungslos. Vieles ist dadurch sinnlos und leer, weil wir voll sind. Es findet keine Verformung zu einem Gefäß statt, das er mit Liebe füllen kann. Wo diese Lebensprozesse ausfallen, oder Menschen unter dem Leid eine Opferrolle einnehmen, ist der Zerbruch vorprogrammiert. Das Leid schickt den Menschen nicht in die Wüste, sondern in das Heilige Land. Der Luftleere Raum, die Perspektivlosigkeit, das mürbe und ausgelaugte, will er ausfüllen mit seinem Geist. Durch den Kreuzweg will er seine Christus-Stationen in uns aufbauen. Es reicht nicht, alles über die Erlösung von Christus zu wissen, und Gott dankbar zu sein, für all das großartige, das er schafft uns mit uns vorhat, er will Reich Gottes in mir. Gott ist kein Unterhalter, dem alle zuschauen, was er für tolle Sachen macht, und darüber in Verzückung geraten, das ist nicht Kirche und Gemeinde, sondern dort wo Gott im Schmerz sich im Einzelnen vergegenwärtigt. Leiden ist die Platzreservierung des Heiligen Geistes in mir. Unter den Lasten buchstabiert sich der Christus in die Nacht unserer Tage.
Genau durch diese scheinbar kontraproduktive Praxis breitet sich in uns ein Kraftfeld aus, das wir aus uns nicht generieren können. Es erschließt sich ein heiliges Reservoir, für den, der Gott nichts mehr zu bringen hat. In uns reifen Gaben heran, die wir uns niemals antrainieren können. Unser Leben gewinnt eine Qualität, an der sichtbar wird, dass hier eine andere Welt wirkt. Diese hoffnungsvolle Ausstrahlung kann nur ein Leben zum Ausdruck bringen, das ein Ja zu einem heiligen Schmerz findet. Leid ist nicht schlecht, sondern die wichtigste Nahrung, dass Gottes Geheimnis in uns reift. Schmerzen müssen sein, damit ein Raum entsteht, den Gott mit Liebe füllen kann.
Kann man sich da noch ein nur gesundes, harmonisches Leben wünschen, wenn wir gerade unter Lasten hoffen und glauben lernen?