Ich bin der Mann

Glaube ist kein Kuschelprogramm, sondern die Konfrontation mit unserem anders wollen.

„In der Finsternis erstrahlt den Aufrichtigen ein Licht, gnädig, barmherzig und gerecht.“
Ps. 112, 4

Dass in der Finsternis ein Licht erstrahlt, ist für Glaubende nichts Neues. Dazu kennen wir zu viele Geschichten aus unserer Bibel. Die eindrücklichste davon ist die Weihnachtsgeschichte, in der der barmherzige Gott Mensch geworden ist. Wir haben uns dadurch ganz selbstverständlich an einen gnädigen und an Ostern, an den gerecht machenden Gott gewöhnt. Doch heute steckt eine scharfe Brisanz in dem Wort. Es geht um den Aufrichtigen. Selbst wir fromme Menschen haben damit ein Problem. Wir decken gerne zu, sind nicht ehrlich, wo es um unseren Stand vor Gott geht. Wenn Gott solch einen harten Weg mit dem Licht geht, ist die Finsternis der Krieg auf Erden. Finsternis liegt nicht außerhalb von uns, weit weg, in den gebeutelten Schreckensgebieten dieser Welt; Finsternis liegt in uns. Wir wollen es nicht wahrhaben, dass wir die harte Nuss sind. In der Tiefe ist der Mensch nicht gottkonform. Er will sein Eigenes und sich auch von Gott nicht reinreden lassen. In uns tobt ein ständiger Widerspruch, der sich gegen Gott auflehnt. Vor Gott sind wir wie pubertierende Kinder, die ihm klar sagen: Ich bin alt genug, ich weiß selbst was ich zu tun habe! Gott ist dem Menschen lästig. Wir tun uns schwer, uns so einfach und geschmeidig führen zu lassen. Das ist Finsternis. Das ist die Adams-Geschichte, von der das Elend in die Welt kam. Wo ein Mensch sich aufrichtig dieser Wahrheit stellt, erkennt er seine Hartnäckigkeit gegen Gott. Deshalb ist Gottes Wort ein Hammer, der Felsen zerschmeißt. Gott muss harte Geschütze auffahren, um überhaupt Herzen zu erreichen. Von ihm aus ist so viel Energie nötig, um an den Menschen ran zu kommen. Wo ein Mensch aufrichtig wird, hat Gott bereits der harte Schale aufgebrochen. Der, der sich nicht als etwas Besseres sieht als er ist, bei dem kann es hell werden. Aufrichtig ist der David, der an seine Brust schlägt und sagt: Ich bin der Mann. Es ist das Erschrecken vor sich selbst im Angesicht Gottes.

Wie sehr beschwichtigen wir und nehmen selbst als Glaubende Menschen diese Tragik nicht so tragisch. Wir schmieren gerne mit der Gnade zu, dass wir ja keine harte Entscheidung gegen uns selbst treffen müssen. Wir glauben Gott schaut durch alle zehn Finger und will uns auf unserem Weg nicht stören. Hier stehen wir in der Auseinandersetzung mit den falschen Propheten, die heute in vielen Predigten behandelt wird. Gott will uns nicht nach dem Mund reden, er will uns nicht besänftigen, damit wir ein frommes, harmonisches Leben führen; er will stören. Sein Wort will ein Feuer anzünden und einen Flächenbrand auslösen. Für sein großartiges Reich will er Licht in die Finsternis bringen. Er will Klarheit, er will Transparenz schaffen und geht gegen alles an was vernebelt. Der gottwidrige Mensch soll umkehren und dann erstrahlen. Das ist ein gewaltiger Umbruch, der die Aufrichtigen braucht. Hier wirkt die Gnade und Barmherzigkeit, wo sie den Menschen in seinem anders wollen knackt. Gott will uns beerben und uns zu Heiligen im Licht machen.

Wo kann denn die Finsternis zu Licht werden, wenn ein Mensch nicht zu seiner eigenen Wahrheit steht und seinen Drang gegen Gott zu stehen nicht erkennt?

Auslegungen für jeden Tag
http://www.ebk-blumenmönche.de
https://brtheophilos.wordpress.com/category/predigt/tageslosungen/

Advertisements

Dickkopf hilft

Gottvertrauen ist enttäuschungssicher.

„Du bist der Gott, der mir hilft; täglich harre ich auf dich.“
Ps. 25, 5

Ohne Wenn und Aber bekennt ein Beter Gottes Hilfe. Dass Gott hilft, ist so sicher, wie das Amen in der Kirche. Es gibt keinen Funken von Zweifel, dass diese Hilfe ausbleibt. Hilfe ist einfach da und umgibt uns, wie die Luft zum Atmen. Hilfe ist allgegenwärtig und ständig verfügbar. Wir sind von Wohlwollen umringt, mit allem was aufbaut und was den Verunglückten und Beschwerten versorgt. Keine Einschränkung, keine Ausnahme, keine Bedenken. Wie kann ein Mensch so etwas behaupten, angesichts der vielen Hilflosen, die eine ganz andere Erfahrung machen? Wo ist die Hilfe für die, die sich von Gott vergessen sehen?

Hilfe hängt mit Harren zusammen. Harren ist das verbissene Festhalten, das Aushalten gegen allen Anschein. Harren ist das Hoffen, auf etwas, was man nicht sieht. Harren ist der unbeirrbare Glaube, der im Gottvertrauen geschenkt wird. Harren ist der Dickkopf des Glaubens, der sich nicht abschütteln lässt. „Ich lasse dich nicht, weil du mich segnest.“ Harren, ist das in allen Anfechtungen gegen Gott, zu Gott hinglauben. Harren ist das auf der Straße liegen und Aushalten bis der barmherzige Samariter kommt. Harren ist, in der ungemütlichen Zwischenphase standzuhalten, Schmerzen zu verspüren und dabei immer noch die Hoffnung auf Hilfe haben. Der Glaube zieht die Hilfe ins Unerträgliche. Glaube klammert sich an die Hilfe, die bereits dann da ist, wo noch nichts von ihr zu sehen ist. Das ist wie mit unseren Wünschen. Zuerst träumen wir von einem neuen Eigenheim. Irgendwann fangen wir an in unserem Geist das Haus zu bauen. Bis zu dem Zeitpunkt ist noch nichts von diesem Haus zu sehen. Doch irgendwann kommt der erste Spatenstich, die Fundamente, die Mauern und das Dach. Stück um Stück entsteht das, an das wir geglaubt haben, wovon wir uns haben nicht abbringen lassen. Eines Tages ziehen wir in das Haus ein, das am Anfang nur ein flüchtiger Gedanke war. Da war nichts zu sehen und nichts zu greifen, als eine Idee, die sich materialisiert hat. Etwas Unsichtbares ist durch den Glauben Wirklichkeit geworden. Hilfe erfährt der, der pittbullmäßig an ihr festhält. Den Gott, der mir hilft zu erfahren, kann der, der sich von seinem Glauben an die Hilfe nicht abschütteln lässt.

Was wäre das für eine Hilfe, die auf Knopfdruck funktionieren würde? Sie würde nichts am Menschen verändern. Wo die Hilfe nicht an Glaube und Vertrauen gebunden ist, würde sich der Mensch wie ein Pascha bedienen lassen. Gott, du hast dafür zu sorgen, dass es mir gut geht. Gott hilf mir mal, dass ich weitermachen kann wie bisher. Deine Hilfe will ich schon, doch von dir selbst will ich nichts wissen. Was wäre das für ein eigennütziges Gebet. Die Hilfe von Gott, will Hilfe zum Glauben und Vertrauen sein. Daher erfahren wir den Gott der hilft, wenn wir täglich auf ihn harren.

Wie soll in Not und Traurigkeit Hilfe hineinfallen, wenn wir nicht allezeit auf den hoffen, der uns hilft?

Auslegungen für jeden Tag
http://www.ebk-blumenmönche.de
https://brtheophilos.wordpress.com/category/predigt/tageslosungen/

Gnade knackt harte Nüsse

Das Leben der Glaubenden hat mitunter den höchsten Anspruch, zu dem jedoch kein Mensch in der Lage ist.

Herr, erweise uns deine Gnade und gib uns dein Heil!
Ps. 85, 8

Wenn einer um Gnade bittet, hat er irgendwo Dreck am Stecken. Der Beter erkennt, dem was Gott mit mir vor hat, hinke ich hinterher. Da ist selbst bei Gerufenen ein ständiges Fallen und wieder aufstehen. Das erwählte Volk Israel wurde von Mose und Aron aus der Knechtschaft Ägyptens herausgeführt. Sie erlebten die zehn Schreckenswunder, die Gott dem Pharao schickte, damit er überhaupt bereit war, dieses Volk abzuschieben, damit er endlich Ruhe hat von diesen unerträglichen Plagen. Das Volk zog durch das Schilfmeer, wo Gott auf spektakuläre Weise das Wasser auseinandertrieb, damit sie trockenen Fußes hindurchgehen konnten. Pharaos Krieger, die sie dann doch wieder zurückholen wollten, kamen nicht mehr durch das Wasser und sind samt und sonders abgesoffen. Unvorstellbar zeigte Gott immer wieder, wie er mit seinem Volk ist und sie dankten und verherrlichten ihn. Doch vierzehn Tage später, beim Gang durch die Wüste, fing schon das Gejammer wieder an. Wasser und Brot werden knapp und sie klagten Mose an, weil er sie aus Ägypten herausgeführt hat, wo es doch in aller Knechtschaft immer genügend zu essen gab. Das ist der Mensch. So klein ist sein Glaube und sein Vertrauen zu Gott. Wenn´s ungemütlich wird, können zuvor Wunder noch und nöcher geschehen sein, da steigen sofort wieder Groll und Zweifel auf. Das Herz ist ein trotziges, verzagtes Ding. Da rumort ständig diese eine Frage: Sollte Gott gesagt haben? Dort wo der Mensch diesen seinen Zustand erkennt, kann er nur um Gnade ringen. Gottesbegegnung beginnt damit, dass wir vor uns selbst erschrecken und jeden Tag neu entdecken, wir können weder glauben, noch vor Gott gerecht sein. In uns liegt ein Gen, das immer dagegen löckt, egal was Gott auch tut. Unser Mangel an Vertrauen, unsere Glaubensnot, will uns im Angesicht Gottes unsere Heilsbedürftigkeit bewusst machen. Diese Undankbarkeit und dieses Dagegenlöcken braucht den Christus, der zur Gnade geworden ist.

Das ist die tägliche Buße, von der Martin Luther spricht. Wir leben täglich aus dem begnadet werden, damit Gottes Geschichte überhaupt weitergeht. Wir leben nicht aus den Wundern von gestern. Wir sehen an uns selbst, wie schnell die großen Ereignisse in uns verblassen, wir leben aus dem täglichen Umdenken und Zurückkehren zu Christus, der uns vor Gott begnadet. Da beginnt jeder Tag mit der Hinwendung zu Christus und der Abkehr von meinem eigenen Trotz. Damit Gottes Sache mit uns geschieht, können wir nur ständig um Gnade und Heil bitten, damit in unserem Aufbegehren Neues entsteht. Die Gnade schafft es, unsere harte Nuss zu knacken.

Wenn uns nicht die Gnade halten würde, wer würde uns dann trösten und unsere Wege hell machen?

Von Glückseligkeit verfolgt

Ewigkeit kommt zu jedem Zeitpunkt vor. Elazar Benyoetz

Aus einem der größten Trost-Psalmen kommt die volle Wucht der Gottes Güte. Wir sind die von Erbarmen Verfolgten. Der Reichtum von Gottes befreiender Kraft, wird uns überall hinterherschleichen. Wohin uns unsere Wege auch führen, quer durch die finstersten Täler, hängt uns die Erlösung an den Füßen. Wo Gutes und Barmherzigkeit allgegenwärtig sind, ist Christus mitten in der größten Hölle. Der menschliche Ausnahmezustand ist Gottes Präsenz. Mitten in der „Todes-Schatten-Schlucht“, wie Martin Buber diese Stelle übersetzt, bricht Herrlichkeit an. Ewigkeit ist der Schatten aller Nacht. Wer vom Guten verfolgt ist, dem klebt Glückseligkeit an den Fersen. Was auch kommt, es wird sich zum Guten wenden. Das ist die Gesamtaussage, die über unserem Leben steht. Wir können aus dem Hause Gottes nicht herausfallen. Wir werden für alle Zeiten in seiner Gegenwart bleiben. Im Leben und Sterben, sind wir des Herrn. Alle Ängste, Kämpfe und schrecklichen Ereignisse, die wir erleben, können uns nicht von dieser Tatsache wegreißen. Das heißt, es wird für allen Zeiten das Bittere nie isoliert im Raum stehen. Alles was geschieht, alles was wir durchmachen, geschieht innerhalb des Hauses des Herrn. Das Haus des Herrn umfasst das Elend der Welt. Egal was wir im Augenblick von dieser Herrlichkeit erkennen, sie umgibt uns wie die Luft die wir achtlos einatmen. Die Herrlichkeit, dieses Haus des Herrn erhält uns am Leben, gerade wenn wir sterben. Somit kann der Tod, keine Katastrophe mehr sein; kein Unglück, ein untröstlicher Schrecken. Jedes Schicksal geschieht in der absoluten Gottesgegenwart.

Wieviel Wärme kommt daraus in die Eiseskälte unserer Tage. Da ist alle Verzweiflung von Hoffnung verfolgt. Da kann ein Bonhoeffer aufrechten Hauptes seines Galgens entgegen gehen. Damit verlieren die schlimmsten Befürchtungen ihre Angst. Wer auf Schritt und Tritt vom Guten verfolgt ist, braucht kein Übel zu fürchten. Wer immerdar im Hause des Herrn bleibt, braucht in keinem Zerbruch mehr Angst haben. Dieser Trost entspannt all unseren Stress. Er gibt Gelassenheit in allen Turbulenzen. Da kann in aller Aufregung, der Herzrhythmus ruhig bleiben. Wir sind geborgen, auch wenn der Sturm, dem Haus, das Dach abdeckt.

Wenn wir in diesem Hause zuhause sind, wenn wir vom Guten verfolgt sind, welcher Schrecken will uns da noch nachschleichen?

Einbildung trennt

Menschliche Größe, kommt nicht aus der Einbildung.

Wer zugrunde gehen soll, der wird zuvor stolz; und Hochmut kommt vor dem Fall.“

Spr. 16, 18



Eine biblische Weisheit, die sich umgangssprachlich eingebürgert hat. Dahinter steht eine ungute Selbsterhöhung, die sich über andere setzt. In Stolz und Hochmut liegt eine Überheblichkeit, die sich erhöht und andere erniedrigt. Ein Lebensentwurf des Untergangs. Wer sich selbst zum Maßstab macht, hat bereits den Bezug zur Realität verloren. Die Größe des Menschen liegt in Gott, der ihm seinen Wert gibt. Größe ist Geschenk nicht Verdienst. Wertvoll sind wir nicht durch unsere Leistungen, sondern dass sich Gott über uns erbarmt. Wo sich der Stolze in seinem Erhaben Sein verkalkuliert, rechnet Gott immer die Schwachheit mit ein. Der Mensch ist erst durch die Gottesbeziehung ein Ganzguss. Perfektion kommt nicht durch eigene Verdienste, sondern dass Gott zum Heil begnadet. Die Unvollkommenheit des Menschen wird ihn immer an seine Grenzen führen, er hat sich ständig mit seinem Fallen auseinanderzusetzen. Wo er das nicht einrechnet, kommt er in seiner Einbildung um. Paulus hat diese Spannung treffend beschrieben: Das Gute, das ich tun will, tue ich nicht, aber das Böse, das ich nicht tun will. Das ist das reale Menschenbild. Der Stolze akzeptiert seine Tendenz zum Fallen nicht und wird dadurch erst recht eine Bauchlandung erleiden. Der Stolze ignoriert die Gnade, von der er eigentlich lebt. Stolz kennt nur sich und das kann nicht gut gehen.
Der Stolz ist eine subtile Sache. Es gibt auch frommen Stolz, indem sich die eine Gemeinde besser vorkommt als die andere; indem sich der eine näher an der Wahrheit sieht, als sein Nächster. Gerne erheben wir uns über die Fehler der anderen und beschwichtigen unsere eigenen. Das sich besser dünken als… , ist der Anfang der Zerstörung. Wo wir unsere Gnadenbedürftigkeit verlassen, trennen wir uns vom anderen. Miteinander stirbt, wo einer die Wahrheit gepachtet hat. Die Einbildung ist die Auflösung jeglicher menschlichen und christlichen Gemeinschaft. In dem was wir sind, sind wir immer die Abhängigen der Barmherzigkeit. Darin liegt die geistliche Größe eines Menschen, die keinen ausgrenzt und abwertet.
Wo gehen wir mit eigenen Leistungen hausieren und stellen andere in den Schatten? 

Teufelskreise durchbrechen

Ein warmes Herz zu entwickeln, ist eine reife Haltung in einem unreifen Menschen.

Wohl dem, der barmherzig ist und gerne leiht und das Seine tut, wie es recht ist!“

Ps. 112, 5



Ein Anflug von Seligpreisung kommt da auf einen zu. Gott legt einen Umgangsstil an den Tag, der völlig gegen menschliche Prinzipien geht. Für ihn gilt nicht gleiches Recht für alle, sondern Barmherzigkeit gegen Unrecht. Nicht mehr Auge um Auge, Zahn um Zahn bringt die Welt wieder ins Gleichgewicht, sondern Liebe entwaffnet das Unheil. Wo ihm Unrecht geschieht, macht er nicht den anderen fertig, sondern liebt sich selbst zu Tode. Verletzen beantwortet er nicht mit verletzen, sondern mit heilen. Er durchbricht mit seiner Barmherzigkeit den Teufelskreis. Dort wo ein Wort das andere ergibt, sich die Gemüter erhitzen und im Unfrieden auf einem Scherbenhaufen enden, praktiziert er die Größe des Guten. Frieden entsteht nicht, wenn der Gegner niedergestochen ist, sondern wenn Wunden geheilt werden. Mit Christus geht Gott auf den Menschen zu, der ihm ins Gesicht schlägt, beleidigt und entehrt. 
Menschen leben nach dem Jamaika-Prinzip; eigene Positionen durchsetzen wollen und Miteinander platzen lassen. Sie wollen durch Konfrontation entspannen. Jeder wundert sich, warum  man nicht auf einen Nenner kommt. Doch wo jeder nur das Seine will, und kein höheres Ziel einen antreibt, bewegt man sich auf Sandkastenniveau. Jeder ist sich selbst der Nächste und keiner startet zum Höhenflug durch, indem er das große Ganze vor Augen hat. Die vielen kleinlichen Streitereien und gegenseitigen Verletzungen lösen wir nicht auf Augenhöhe, sondern im über sich selbst hinausgehen, um des höheren Zieles willen. Teufelskreise durchbrechen, können nur die Herzen, die größer werden. Barmherzigkeit verlässt das menschliche Maß von Recht und Gerechtigkeit, und spielt in einer anderen Liga. Was mir zum Wohlergehen dient, tut auch dem anderen gut. Wo wir das Gute und Heil erfahren haben, können wir nur heilsstiftend unterwegs sein. Nicht mehr, wie kann ich den andern in seinem Unrecht in die Pfanne hauen, sondern was dient dem andern in seiner Entgleisung zum Guten. Die Barmherzigkeit nimmt uns in die Verantwortung, liebend zu heilen. 
Wäre es nicht unbarmherzig, die selbst erfahrene Barmherzigkeit, nicht dem anderen zukommen zu lassen?  

In uns frisst nichts mehr

Frisch verliebt, vergibt sich am besten.
„Du bist ein Gott der Vergebung, gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Güte.“

Neh. 9, 17
Das ist wahre Größe. Gott ist grenzenlos unabhängig, von allem Unrecht, das ihm geschieht. Wer solche Eigenschaften besitzt, hat das Zeug, die ganze Welt zu erobern. Vergeben, gnädig und barmherzig zu sein, zeigt eine königliche Freiheit, die sich von keinem noch so großen Hass erschüttern lässt. Gott bewahrt sich dadurch seine Menschenfreundlichkeit. Selbst wenn er mit Füßen getreten wird, kann er offenherzig die Hände ausstrecken. Er belastet sich nicht mit Enttäuschung, Vorwürfen und pingeligen Auseinandersetzungen. Er hat sich komplett befreit, vom Kampf ums eigene Recht. Die Zusammenfassung von Vergebung, gnädig und barmherzig sein, von Langmut und reicher Güte heißt Jesus Christus. Mit dieser Begnadigung allen Unrechts, bewahrt sich Gott seine jungfräuliche Liebe zum Menschen. Durch dieses Vergeben, löst er sich aus aller Verkrampfung, die Schuld auslöst. Er kann offen und unbelastet auf jeden zugehen und mit dieser Barmherzigkeit die Welt zum Leben lieben. Da liegt nichts mehr in der Luft, was seinen Drang zum Nächsten zurückhalten könnte. Vergebung macht ihn handlungsfähig, damit seine Güte in voller Wucht auf die Erde fällt. Damit bleibt er uneingeschränkter Schöpfer und Liebhaber des Lebens. Nichts hindert ihn, segnend sein Wohlwollen reichlich zu verschwenden.
Frisch verliebt, liegt ein Anflug dieser Eigenschaften auf einer Beziehung. Wo die Liebe noch heiß und unverbraucht ist, verzeihen wir dem anderen fast jeden Blödsinn. Da kann man gönnerhaft über die kleinen menschlichen Schwächen hinweg gehen. Von anderen wird man bereits schief angeschaut, wenn man in den unterschwelligen Sticheleien, lächelnd darüber hinweg sieht. Wo die Liebe stark ist, ist die Vergebungsbereitschaft hoch. Doch wenn der Alltag nagt, Fehler sich wiederholen und die Länge die Last trägt, fällt das vergeben immer schwerer. Der Frust wird immer größer, die Belastung unerträglich. Da braucht es den Befreiungsschlag der ersten Liebe. 
Mit Christus stellen wir uns in die Selbstheilungskraft der Vergebung. Erfahrene Barmherzigkeit braucht nicht mehr anrechnen. Wer den gnädigen Gott erlebt, muss nicht mehr krampfhaft ums eigene Recht kämpfen. Er befreit sich selbst durch das Vergeben, von den Lasten die ihm zugefügt werden. Wo wir vergeben, können wir aufatmen, unabhängig vom Verhalten des anderen. Da nagt und frisst in uns keiner mehr. Durch das vergeben werden wir zu einem Menschen der frisch verliebt ist. Da ist nichts was uns aufhalten könnte, diesen neuen Tag als unbelastetes Geschenk zu gebrauchen.
Warum lernen wir nicht viel schneller zu vergeben, um frei zu werden für eine unverbrauchte Liebe? 

Einen gesegneten Sonntag wünsche ich euch. 

Barmherzigkeit baut auf

Nur wenn sich einer über uns erbarmt, können wir gerecht werden.
„Wir liegen vor dir mit unserem Gebet und vertrauen nicht auf unserer Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.“

Dan. 9. 18
Gerechtigkeit und Gnade waren Luthers großes Thema. Daniel hatte die große Erkenntnis: So wie ich bin, kann ich Gott nicht genügen. Und wer ernsthaft glauben will, stellt immer wieder fest, dem, was Gott mit mir vor hat, kann ich nicht gerecht werden. Da klafft eine riesige Lücke. Wir müssen immer wieder entdecken, wie wenig wir zu echter Liebe in der Lage sind. Der Mensch steht vor Gott immer in seinem Mangel und seinem Defizit. Da ist keiner, der sich heilig sprechen könnte.
Wir vertrauen auf Erbarmen. Wir werden heilig und gerecht durch Gottes Anteil, der er zu unserem Leben dazu gibt. Christus ist Gottes Auffangbecken für Ungerechte. Mit ihm holt uns das Erbarmen ein. Die Barmherzigkeit befreit den Sünder vom schuldig sein. Das ist die einzige Wiedergutmachung von Übel. Vor Gott kann sich kein Mensch, durch noch so gute Leistungen etwas verdienen; einzig dass Gott durch Christus auf ihn zukommt. Nicht unsere frommen Werke stimmen Gott gnädig, sondern in Christus sind wir begnadigt. 
Mit Christus enden alle Selbstvorwürfe, alle Anklage. Durch die Barmherzigkeit findet unsere Selbstaufwertung statt. Dadurch sind wir der wertvollste Mensch, in Gottes Gegenwart. Wo wir in unseren Gebeten darauf vertrauen, entspannt sich die Last unseres Lebens. Wo wir auf dei Barmherzigkeit vertrauen, können wir Gott nicht mehr zur Last fallen und werden in unserer Schwachheit wertvoll und wichtig. Das Vertrauen auf die Barmherzigkeit versönt mit Gott und dem Leben.
Verkrampfen wir uns noch im Kämpfen um das Gute, oder nehmen wir das Gute einfach dankbar an?

Abgründe brauchen Barmherzigkeit 

Menschliches Verhalten ist eigentlich nur zum Weinen.
„Wir wurden alle wie die Unreinen, und alle unsere Gerechtigkeit ist wie ein beflecktes Kleid.“

Jes. 64, 5
Das biblische Menschenbild zeigt Realitäten auf, die wir modernen Menschen nicht mehr ohne weiteres stehen lassen. Unrein und ungerecht sind die Prädikate, die uns ausgestellt werden. Wenn es um Reinheit, das Gute und die Gerechtigkeit geht, geht es immer um Gott. Das Unreine kann kein reines Verhalten an den Tag legen. Damit das Gute in die Welt kommt, bedarf es eines Höheren.
Wenn die Gerechtigkeit des Menschen wie ein befecktes Kleid ist, dann steckt da keine negative Sicht auf die Dinge dahinter, sondern der reale Blick auf die menschlichen Abgründe. Befleckt sind unsere großen Bekenntnisse, die wie Petrus felsenfest zu ihrem Herrn stehen, und dann wenn es lebensbedrohlich wird, kläglich versagen. Befleckt ist unser Griff nach dem Apfel, wo unser Bewusstsein größer sein will als Gott.  Auch die Menschen, die den dicken Max heraushängen, sind schwach und unzuverlässig. Große Lippen und viel heiße Luft. Menschen wollen oft mehr scheinen, als sie wirklich sind. Befleckt und unrein ist die Bilanz. Ein  modernen Coach spricht dann schnell vom inneren Schweinehund der überwunden werden muss. Doch wie will ein in sich ungefestigter, ungerechter und befleckter Mensch, aus sich heraus von einem Saulus zum Paulus werden?
Wo unsere Gerechtigkeit befleckt ist, braucht es eine unbefleckte Gerechtigkeit. Da sind wir bei Jesus Christus. Wo der Mensch sich erkennt, und wie Petrus bitterlich über seine Unfähigkeit zum Guten weint, kommt Gottes Gerechtigkeit ins Spiel. Weil kein Mensch gerecht sein kann, braucht er Christus der gerecht macht. Die Menschen, die Kirchen und Gemeinden leben allein von Gottes Barmherzigkeit. Es menschelt in jeder Gemeinschaft, das können wir niemand abtrainieren, wir können jedoch lernen barmherzig zu sein. Wenn wir uns und den anderen an seinen Abgründen finden, wollen wir gerne aufgeben. Wo Christus an unsere Abgründe kommt, will er neu anfangen. 
Wollen wir nicht gerade in unserem Versagen, der Barmherzigkeit die Türe öffnen?

Unvollkommenheit kann aufatmen 

welch ein Aufatmen ist es, wenn jemand aus dem Hamsterrad aussteigen darf.
„Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte.“

Ps. 103, 8
Eine Krankenschwester der Strahlenklinik in Tübingen verschafft schier den Druck ihrer täglichen Arbeit nicht. Bis zu 50 CT-Untersuchungen, die sie täglich an kranken Kindern, bis zu ganz alten Menschen durchzuführen hat. Die emotionale Spannung, des Leides der Patienten, bis zu dem unerträglichen Lärm der „Röhre“, ist das kaum auszuhalten. Dazu kommt noch ein stressiges, eiskaltes Betriebklima. Sie muss gnadenlos funktionieren. Schwachheiten und Fehler haben keinen Platz. Wir werden von klein auf zur Perfektion gedrillt. Leben im Hamsterrad macht krank.
Bei Gott ist ein Raum der Barmherzigkeit. Ein Raum, in dem wir aussteigen können aus dem Rad. Wir können wir selbst sein. wir dürfen schwach und unvollkommen sein. Das Problem unserer Gesellschaft ist, dass sie eine vollkommene Leistung von einem unvollkommenen Menschen erwartet. Das produziert unweigerlich Stress. Gott kehrt dieses Prinzip um. Nicht herausholen bis zum geht-nicht-mehr, sondern hineininvestieren, dass wieder etwas geht. Die Eigenschaften Gottes befreien vom Leistungsdruck. Menschen, die nicht am Herzen Gottes leben, sind verdammt, gnadenlos und unbarmherzig zu sein. Wer nichts leistet fliegt.
Gott hat Raum für Schwäche, für Fehler, für Sünde. Dort wo bei jedem Verkehrssünder das Vergehnen teuer bezahlt werden muss, bezahlt Gott selber. Gnade baut Brücken, trotz Vergehen, trotz Unvollkommenheit. Gnade bringt den Christus und gleicht das Defizit aus. Da wird etwas Unvollkommenes vollkommen. Da ist Erleichterung und Aufatmen. Da geschieht Heit, weil der krankmachende Druck wegfällt.
Wo wir im Hamsterrad uns bis zum Zusammenbruch abrackern und doch nichts erreichen, finden wir in der Gnade, gleich daneben die grüne Wiese, auf der die Gänseblümchen blühen. Weil Gott barmherzig ist, können wir im Stress unserer Unvollkommenheit aufatmen.
Wie können wir durch ein Leben in der Gnade, in dieser Welt dern Druck und das Tempo herausnehmen und der Güte Raum schaffen?