Du bist ein heiliger Krieger

Br. Theophilos 31.10.21 – Jes 44, 21-23

Wir sind hier, weil wir einen inneren Ruf verspüren, dem wir folgen wollen. Wir sind für höchste Ideale aufgebrochen und wollten uns auf das verrückteste Wagnis unseres Lebens einlassen. Wir haben den tiefsten Wunsch, unser Leben nicht zu vergeuden, sondern mit Haut und Haaren Gott und den Menschen zu dienen. Wir ahnen, da hat einer viel mehr mit uns vor, als wir uns je denken können. In kindlichem Glauben sind wir aufgebrochen, bis wir im menschlichen Miteinander merkten, hier wird auch nur mit Wasser gekocht. Die Geschichte hat ihre Brandspuren hinterlassen und Glasscherben säumten unseren Weg. Inzwischen lernten wir, wie viele Erfahrungen mehr nach Erde riechen, als wir geglaubt und gehofft haben. Hohe Ideale sind der alltäglichen Machbarkeit gewichen. Der äußere Druck und unsere Zwänge haben uns verstehen gelehrt, wo die Grenzen aller schöngeistigen Gedanken liegen.

Doch was wäre, wenn unser leidenschaftlicher Ruf, in allen Grenzen lebendig sein will?

 

1. Vom lähmenden Kampf

 Gedenke daran, Jakob, und du, Israel, denn du bist mein Knecht. Ich habe dich bereitet, dass du mein Knecht seist. Kehre dich zu mir, denn ich erlöse dich!

Wo es schwer geworden ist, wo die Verhältnisse uns an den Rand unserer Kräfte bringen, wo die Perspektive in die Zukunft mehr als düster aussieht, werden wir eingeladen, das Album aus unserer Kinderzeit anzuschauen. Wenn’s dick kommt, ist Erinnern angesagt. Wir werden ermutigt, auf unsere Gedächtnislücken zu schauen.

Jakob und Israel sind Gottes Herzblatt. Es sind die vom Leben Auserwählten. Hier dürfen wir uns höchst persönlich angesprochen fühlen. Wir sind diese Auserwählten, die aufgrund der Erschütterungen nicht mehr wissen wer die sind. Unsere menschliche Wahrnehmung, hat das Göttliche, das sich an uns ereignen will, zugedeckt. Die christliche Kirche läuft wie ein Altenheimbewohner durch die Flure und sucht hier im schwäbischen Dettingen, den Weg in die hessische Heimatstadt. Aufgrund der christlichen Erziehung und der täglichen Erfahrung hat sich ein Glaube entwickelt, der sich vorbetet:

  • Ich bin nicht gut genug, um das zu leben, was Gott wollte
  • so wichtig bin ich gar nicht, und bleibe lieber bescheiden
  • Es wird nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird.

Der Alltag hat uns auf ein menschliches Mittelmaß heruntergedimmt. Erinnere dich daran, wer du wirklich bist.

Du bist mein Knecht, dazu habe ich dich gemacht. Im Englischen steht das Wort Knecht = knight für einen Ritter. Jesaja sieht in dem „leidenden Gottesknecht“ den Christus. Gott wählt uns zu „Christus-Rittern“. Darauf will er uns besinnen. Gott will uns aus dem traurigen Menschenbild, mit dem wir uns abgefunden haben, herauslösen. Die Umkehr will uns loslösen von dem, uns nur in unserer Menschlichkeit zu begreifen. Kehre dich zu mir, will uns in den Adelsstand erheben, zu dem wir gemacht sind.

Es stellt uns vom lähmenden Kampf, uns rein menschlichen zu betrachten, der unfähig ist, Reich Gottes zu bauen…

 

2. …in eine neue Selbstwahrnehmung

Israel, ich vergesse dich nicht! Ich tilge deine Missetat wie eine Wolke und deine Sünden wie den Nebel. Jauchzet, ihr Himmel, denn der HERR hat’s getan! Jubelt, ihr Tiefen der Erde! Ihr Berge, frohlocket mit Jauchzen, der Wald und alle Bäume darin!

Gott ist aus unserer Sicht utopisch. Er glaubt gegen jedes bessere Wissen, gegen menschliche Abgründe an Herrlichkeit. Er bezieht den Menschen radikal in sein Handeln ein und ist doch nicht von Menschlichkeit abhängig. Für ihn ist der Mensch in ihm gegenwärtig. Ich vergesse dich nicht, ist die immerwährende Gottespräsenz.

Gott trennt nicht, was wir gerne auseinanderdividieren. Er sieht sich untrennbar von uns. Wo wir sagen, da ist Gott und hier bin ich, sagt er, – du bist in mir bewahrt und ich bin in dir gegenwärtig. Gott gebraucht meine Existenz für seine unendlichen Zwecke. Er kommt durch mich zur Welt.

Wo ich mich als reiner Mensch begreife, löse ich mich von dem Gott, der in mir wohnt. Ich distanziere mich von dem Geist, der sich in mir ihre Wohnung bereitet hat. Wir betreten hier die Pfade alter Mystiker.  Die englische Mystikerin Juliana von Norwich kam im 14. Jahrhundert zu der für uns unfassbaren Erkenntnis: „Seht! Ich bin Gott; seht! Ich bin in allen Dingen; seht! Ich wirke in allen Dingen!“

Mir wird dabei schwindelig, wie nah Gott ist, wie ich als Gefäß den handelnden Gott an mir zulasse und sogar zum handelnden Gott werde. Ich bin eins mit Christus und andauernde Lebensäußerung Gottes. Wenn Gott dieses zweigeteilt auflöst, tilgt er dieses Missverständnis von – hier er, dort ich. Er zieht den Nebel weg, von der Vorstellung,- ich bin von Gott getrennt, ich bin ein sündiger Mensch. Jesus ist das sichtbare Zeichen, wie Gott und Mensch eins, und dadurch Licht der Welt ist. Damit hat er die Sünde aufgelöst und dem Menschen sein Vermächtnis zurückgegeben.

Jauchzet, ihr Himmel, denn der HERR hat’s getan! Jubelt, ihr Tiefen der Erde! Leben ist in allem Gottesoffenbarung. Gott ist in allen Höhen, in allen Tiefen, in allen Menschen. Er ist in allem und wirkt in allem. Zu dem dürfen wir zurückkehren und uns in menschlichen Tiefen als Jubel Gottes in Person erkennen. Gott feiert sich selbst durch uns.

Wo wir uns in dieser Selbstwahrnehmung erkennen…

3. …werden wir zu befreienden Adeligen

Denn der HERR hat Jakob erlöst, an Israel verherrlicht er sich.

Gott erlöst uns davon, nur Menschen dieser Erde zu sein und sagt uns: du bist ich. Ich verherrliche mich durch die Knechte und Ritter, die ich geschaffen habe, um mich zu zeigen. Damit bin ich der Christus-Ritter, den er auf den Thron setzt, um über die Erde zu herrschen. Dort wo ich meinen königlichen Stuhl einnehme, bin ich autorisiert dem Frieden zu dienen. Meine Worte haben Macht, gegen das Unrecht dieser Welt anzugehen. Meine Autorität liegt nicht in mir, sondern in dem, der sich an mir verherrlicht.

Wo ich diese Gnade nicht annehme, wird aus Herrlichkeit Gottes, der Nebel des von Gott-getrennt-Seins. Belastete werden nicht frei sind und bleiben in menschlichen Belangen gefangen.

Ein heiliger Schauer durchzuckt mich, wenn ich meine ein Diener der ganzen Schöpfung zu werden und dabei feststelle, dass mir das ganze Leben dient. In dem Moment, wo mir diese Heiligkeit bewusst wird, erkenne ich, wie alles was im Leben geschieht, vor mir auf die Knie geht und mir dient. Mich erfasst ein wildes Beben, dass alle Krankheiten, Schicksalsschläge, und Schmerzen, die mir zu Füßen liegen, durch mich zum Jubel verwandelt werden wollen. Meine Kreuzwege, wollen meinem Heil dienen und willkommene Wegbegleiter sein, die einen neuen Himmel und eine neue Erde in dieser Welt sichtbar werden lassen. Wir sind Menschen dieser Erde, die sich Gott zu heiligen Kriegen in dieser Welt gemacht hat.

An diese tiefe Wahrheit will uns dieses Wort erinnern.  Wir dürfen uns gegenseitig daran erinnern, dass wir zum heilenden Christus für eine wunde Erde gerufen sind. Gott hat dich und mich erwählt, eine Pipeline zu sein, Wohnung Gottes zu sein, durch die er die Welt erlöst.

 Ich verneige mich vor deiner Heiligkeit, die von dir zu mir kommt und den Jubel Gottes vermehrt.

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