Der Garten Eden hat offen

 1. Mose 3, 1-19

Seit Adam und Eva hängt am Paradies ein Schild: Komme gleich wieder! Stimmt das? Wer ist gegangen und kommt wieder? Ist Gott oder der Mensch fort? Wer ist rausgeflogen und kommt nicht mehr rein? War es überhaupt ein Rauswurf, oder haben sich da zwei Turteltäubchen von einem Sonderangebot ablenken lassen? Hat das Paradies für immer geschlossen oder geht da noch was? Welche Türen sind dicht und welche gehen auf – dieser Frage wollen wir mal nachgehen.

1. Du bist schuld

Und die Schlange war listiger und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben… Adam sprach: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum. Die Frau sprach: Die Schlange betrog mich,

Eigentlich sind die Bedingungen optimal. Ein glückliches Pärchen, voll in ihrem Element. Es geht paradiesisch zu im Garten Eden. Zwei Menschen im Paradies, in dem Urbild des Heiligen. Menschen im Tempel Gottes, so träumt Gott von Herrlichkeit. Ein irdisches Wesen atmet und lebt aus dem Geist, der durch den Garten weht. Gott sagt: Lebt aus dem ganzen Überfluss meiner Unendlichkeit, und lasst die Finger weg von dem Baum, der euch diesen Schatz rauben wird. Doch wer die Narrenfreiheit hat, will alles bis zum Letzten ausreizen. Der königlich, freie Mensch, empfindet dieses Selbsterhaltungsgebot als Einschränkung. Die List der Schlange dreht den Spieß um. Wo Gott vor dem „in die Erde fahren“ bewahren will, schneidet der List die Lebensader ab. Der Sündenfall verheiratet den Menschen mit der sterblichen Erde.

Friedrich Weinreb (jüdischer Thora-Gelehrter) erklärt: „Sobald der Mensch vom Baum der Erkenntnis nimmt, ist der Weg zum Tempel automatisch verschlossen. Der Mensch urteilt nach der bloßen Wahrnehmung und vergisst die unsichtbare Welt des Himmels.“

Da gehen mitten im Paradies die Lichter aus. Wo der Tempel zu geht, fangen die Schuldzuweisungen an. Wo wir das Heilige vergessen, beginnt das größte menschliche Verhängnis. Jetzt müssen Schuldige her. Die Schlange war´s; die Frau, die du mir gegeben hast, die hat alles verbockt. Das Internet macht alles kaputt, da geht niemand mehr in die Kirche. Bei solchen Zuständen in einer christlichen Gemeinschaft kann ich nicht mehr zum Stundengebet kommen. Hunderttausend Erklärungen wer jetzt schuld ist. Der Zeigefinger wird zum ausgeprägtesten Körperteil, das sich vor seiner Verantwortung drückt.

Wo wir Schuld verteilen, ist noch nie die Türe zum Paradies wieder aufgegangen.

2. Iss dich satt

Gott hat gesagt: Esst von den Früchten der Bäume im Garten, 

Das ist Schöpfung, das ist pralles Leben. Er denkt dabei an unsterbliches, unendliches, ewiges Leben. Die Früchte, die er auf den Tisch stellt, sind Paradiesäpfel. Das sind Worte, voller Geist und Wahrheit. Die Früchte, die Gott serviert, sind eine Speise, die aus dem irdischen Staub herauslösen. Früchte, die uns in die kontemplative Einsicht zurückbringen, aus der wir herausgefallen sind. 

Sie befreien uns von der oberflächlichen Wahrnehmung der Welt, und dem Vielwissen ohne Weisheit. (Weinreb) Willibald Sandler (kath.) spricht beim Baum der Erkenntnis auch vom Baum der Anmaßung und Undankbarkeit.

Damit ist der Baum des Lebens, der Baum der Danksagung, der Eucharistie. Das Gegenstück zum Baum der Erkenntnis ist das Kreuz Christi, als der Baum des Lebens. Satt werden wir in der wahren Schau, der Kontemplation mit Christus. Das Wort, Christus, Heiliger Geist will im Sterblichen allgegenwärtig sein. Das vergängliche Leben, will vom Unvergänglichen bestimmt sein. Unser Heute wird geradezu aus dem Zukünftigen (Eschata) geschaffen. Unsere Essgewohnheiten entscheiden, ob in uns Hoffnung aufsteigt, oder ob Staub uns muffig macht.

Wo der Geist Raum findet, wird das Denken und Sein nach innen gelenkt. Wer seine Sinne nach außen richtet, versinkt im geschäftigen Treiben, der materiellen Welt. Selbst bei geschlossenen Augen im Gebet, können wir immer noch in einer Welt der Geschäftigkeit verweilen.

Iss dich satt, ist die ständige Einkehr in das Heilige, das alles Laute übertönt und durchdringen will. Da entstehen Persönlichkeiten, die in sich ruhen.

3. Keine faulen Ausreden

aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten, esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet! Gott sprach zur Schlange: Weil du das getan hast, sei verflucht. Auf dem Bauch sollst du kriechen und Staub fressen. Und zur Frau: Unter Mühen sollst du Kinder gebären. Zum Mann: verflucht sei dein Acker! Dornen und Disteln soll er dir tragen.

Wo der Mensch aus der Gegenwart Christi aussteigt, geht das Heilige baden. Dieser Fluch folgt ihm automatisch, wo er sich im rein Sichtbaren bewegt. Gott verdammt nicht, er grenzt nicht aus, doch wo Menschen sich von dem Einssein mit Gott ablenken lassen, kann sein Geist nicht mehr wirken. Wer aus der Kontemplation herausfällt, ernährt sich von dem Boden der Disteln und Dornen trägt. Dass wir unsere Fruchtbarkeit, unser ganzes Leben aus Irdischem ziehen wollen, dafür steht das Symbol der Schlange.

Menschen entwickeln sich im Materiellen, aber in geistiger Blindheit und verlieren das Unsterbliche. (Sandler)

Irdisches Leben tut von Geburt an weh und ist auf Sterben angelegt. Für ein Leben im Glauben, kommen wir nicht mit faulen Ausreden weiter.

Das Paradies hat heute offen. Es hat keine 7 Tage Woche, sondern der Schlüssel ist der 8. Tag der Auferstehung. (Weinreb) Gott hat mit der Auferstehung diesen Baum des Lebens gepflanzt. Durch den Osterglauben geht mit Christus das Tor zum Garten Eden auf. Der Mensch kann im Gegensatz zu allen sonstigen Lebewesen aus Ostern leben, um sich nicht von dieser sterblichen Welt bestimmen zu lassen. Wir wären wie Tiere, wenn wir uns rein durch das, was uns umgibt am Leben erhalten. Wir haben einen Geist, der sich mit der ewigen Welt, verbinden kann. Wir haben Freikarten für das Paradies. Es gibt keine Ausrede dafür, dass uns irgendeine Türe zum Ewigen verschlossen wäre. Das Heilige ist mitten unter uns.

Wo es nicht in uns lebt, müssen wir uns fragen, von welchem Baum wir gerade essen.

Greife nach der edlen Frucht, der Garten Eden hat offen.

Ein Gedanke zu „Der Garten Eden hat offen

  1. Wie wunderbar, dass Sie Weinreb zitieren! Er zeigt durch die Zahlenbedeutung, die im Hebräischen eine besondere Aussagekraft durch die Verbindung der Buchstaben zu einem eigenen Zahlenwert hat, eine unglaubliche Tiefe der Bibel auf. Sogar zum Neuen Testament hat er ein Buch geschrieben: Innenwelt des Wortes im Neuen Testament: Eine Deutung aus den Quellen des Judentums.
    Zur Auslegung des sog. Sündenfalls möchte ich auch gerne hinweisen auf meinen Blog bezüglich der Predigt am letzten Sonntag. Dort ist mein Spezialgebiet das Verständnis aus der hebräischen Sprache heraus und aus der jüdisch-rabbinischen Auslegung.
    Ich freue mich, Ihren Blog gefunden zu haben.

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