Karfreitags-Dramaturgie

Text: Joh. 19, 17-18,

Jesus trug selbst das Kreuz. Er ging hinaus nach Golgatha, wo sie ihn kreuzigten. 

März 2004. 2 Stunden Dramaturgie pur. Mel Gibson inszenierte die Passion Christi. Schockierend verlief eine tragische Geschichte zwischen Gethsemane und Golgatha auf deutschen Leinwänden. Vier Nägel durchbohrten fast in Zeitlupe Hände und Füße. Jeder Hammerschlag, zuckte dem Zuschauer durch Mark und Bein. Karfreitag, es wurde Nacht am hellen Tag. Der Tod Jesu brannte sich in die Augen und Herzen.

Schon lange ist in der christlichen Geschichte, dieser Freitag, ein beklemmender Tag. Schwarze Socken, schwarze Hemden, Tanzverbot. Überall die Botschaft: Wegen dir. Ein kollektives, schlechtes Gewissen liegt auf der Menschheit.

1. Du kannst mich mal

Er ging hinaus nach Golgatha, wo sie ihn kreuzigten. 

Die Tragik von Karfreitag liegt nicht an einem blutrünstigen Gott. Da ist kein Vampir, der sich Rache geschworen hat. Die Brutalität, die oft Gott vorgeworfen wird, hat nichts mit Gott zu tun. Er hat mit dem Kreuz nicht überreagiert.

„Sie kreuzigten ihn“

Es ist die Handschrift des Menschen, wie er mit Gott umgeht. Kreuzigen ist der Aufschrei: Ich will keinen Gott, ich brauche keinen über mir. Das Kreuz spiegelt den ganzen Widerwillen gegen Gott. Der Mensch will nicht das sein, was er ist – Geschöpf und Ebenbild Gottes. Er lässt Gott nicht Gott sein. Er stiehlt Gott die Ehre und nimmt sich dabei sein eigenes Leben. Das Übel des Menschen ist sein: du kannst mich mal. Damit schneidet er sich selbst vom Leben ab und bringt sich um. Wenn Christus Weg, Wahrheit und Leben ist, und ich lösche ihn aus, dann kreuzige ich mich selbst. Das Kreuz ist der Spiegel, wie weit weg der Mensch von Gott ist. Wo der Mensch Gott nicht bei sich haben will, haut er Christus ans Kreuz. Nagel um Nagel durchbohren sie sich damit selbst.

Diese halsbrecherischen Absichten bezeichnet die Bibel Sünde. Es ist schlicht die Folge von, du kannst mich mal. Das Kreuz ist kein fremdverhängtes Urteil, sondern ich selbst löse dieses Urteil aus. Unsere ganzen Vorstellungen von einem strafenden und richtenden Gott, wollen ihm die Verantwortung in die Schuhe schieben. Wo ich nicht mehr Spiegelbild Gottes bin, werde ich zum Spiegelbild des Kreuzes. Der Mensch spürt am eigenen Leibe, den Schmerz seiner Gottlosigkeit. Ich bin nicht der, zu dem ich gedacht bin. Das ist das Trauerspiel von Karfreitag.

2. Nicht mit mir

 Jesus trug selbst das Kreuz.

Was hier passiert, stellt die Welt auf den Kopf. Bisher verlief alles nach dem Motto: Wer nicht hören will muss fühlen. Oder anders: jeder muss das auslöffeln, was er sich eingebrockt hat. Doch hier löffelt Jesus aus. Kreuz ist unser kaputtes Menschsein, das sich Gott selbst auf die Fahne schreibt. Jesus trägt unseren Unmut. Er trägt unser, du kannst mich mal, ans Kreuz. Obwohl wir freiwillig das Leben in den Dreck werfen, will es Gott nicht kaputt gehen sehen.

Unserem, du kannst mich mal, antwortet er mit: Nicht mit mir! Unser Nein, trägt Jesus nach Golgatha. Gott wehrt sich gegen den Cut. Auch wenn wir ihm die Ehre abschneiden, will er sich zu Ehren bringen. Eigentlich könnte man meinen, Gott ist von allen guten Geistern verlassen. Er leidet sich unter den Schlägen des Menschen, zu ihm durch. Er stirbt, um die Dummheit zu überwinden. Er lässt Liebe kreuzigen, um damit ihre Macht zu demonstrieren.

Man kann im Leben alles zugrunde richten, doch nie das Leben, das Gott liebt. Man kann Liebe zugrunde richten, man kann sie dem Allerletzten preisgeben, aber sie wird immer sagen: Nicht mit mir! Sie ist das größte Ja zum schlimmsten Nein. In ihrem letzten Atemzug wird sie sagen: Es ist vollbracht.

3. Aber ich mit dir

Wo Gott Ja sagt, sagt er das gerade durch das Kreuz. Wir brauchen eine göttliche Vorstellung vom Kreuz. Das Kreuz ist der Weg zur Vollkommenheit. Karfreitag ist nicht ein Unglücksfall in der Menschheitsgeschichte, es ist die atemberaubende Neuschöpfung dessen, was Gott im Menschen schon immer wachsen lassen wollte. Mitten im Sterben wird ein neuer Geist über der Sünde geboren. Kreuzigung ist keine Kapitulation der schuldig gewordenen Schöpfung, es ist der Sieg über dem Unglauben. Das Kreuz ist unveräußerliche Voraussetzung, für alles was aus Gott entstehen will.

Gott macht mit diesem Akt, den Zugang zu seinem Reich nicht vom Menschen, sondern von Christus abhängig. Christus spricht zu dem Verbrecher neben sich: Heute wirst du mit mir im Paradies sein. Kreuz ist nicht Erniedrigung, sondern Triumph, bei dem im Sünder göttliches wächst. Hier verliert der Karfreitag die Halbmastbeflaggung.

Mich im Licht des Kreuzes zu verstehen, heißt dieses unverbrüchliche Ja Gottes zu sehen.

Mein Nein wird verwandelt.
Das Kreuz ist nicht das Symbol der Trauer.
Mit Christus ist es das Logo für Freude.

Mit dem Kreuz dreht Gott den Spieß um. Das Kreuz wird zur Voraussetzung dessen, was er an uns vollenden will. All unsere Sterbensprozesse, wollen uns an das Eigentliche des Lebens führen.

Viktor Frankl sagt: „Leiden ist unter allen Umständen sinnvoll.“

Die Karfreitags-Dramaturgie will uns einen neuen Zugang zum Kreuz verschaffen. Leidenswege dienen unserer Vollendung. Unter den Lasten des Lebens will Großes werden. Leiden an sich ist nicht das Drama, sondern enthält die einzige Frage: Was soll dadurch in mir vollendet werden? Wozu dient mir mein Schicksal? Wozu ist mir dieses Unglück passiert? Was wollen meine augenblicklichen Lebensumstände in mir reifen lassen?

Da klärt sich die Frage, wozu dient mein Leben und wozu gehe ich über diese Erde. Damit ist alles was uns widerfährt, das Schaffen von Vollendung. In dieser Dramaturgie verliert Karfreitag seine Tragik. Wo die Beziehung zum Kreuz fehlt, wird Elend unerträglich. Schicksalsschläge treiben uns in den Wahnsinn. Unter den Lasten, wächst dann nur unser Unheil.

Im Leid will sich Herrlichkeit vollenden. Wenn Jesus ausruft: es ist vollbracht, haben wir die Gnade, zu dem zu werden, was sich Gott mit uns gedacht hat. Dann können wir uns über das Kreuz nur freuen.

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