Hauptsache gesund

Markus 1,32-39

Gesund ist, wenn die medizinische Diagnose keine Fehlanzeige liefert, so das Lexikon. Somit wären vier abgesägte Finger an der rechten Hand ungesund. Wer legt fest, was krank ist? Bin ich bei einem Idealgewicht von 67 Kilo topfit? Gesundheit ist wichtig. Die Menschen tun heute viel für ihre Gesundheit. Gesundheit steht bei den Geburtstagswünschen an oberster Stelle. Hauptsache gesund, lauten fromme Wünsche; das heißt, die Beziehungen, die Arbeit und alles andere darf krank sein. Hauptsache mir geht´s gut, und das übrige ist nebensächlich!?

Jesus irritiert dieses kranke Anspruch Denken.

  1. Gesunde Beziehung

Am Morgen, noch vor Tage, stand er auf und ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort.

Jesus, der gefeierte Wunderheiler setzt sich ab. Eine ganze Nachtschicht lang heilte er Gelähmte, trieb ungute Geister aus und tat an schwer Leidenden Engelsdienste. Er brachte total Verzweifelten den Lebensmut zurück und sprach heilende Worte denen, die keine Zukunft mehr sahen. Er offenbarte sich als der Jesus, den sich die Menschen ersehnen, der die schmerzenden Wunden verbindet. Genau solch einen Arzt braucht die gebeutelte Menschheit.

Doch am Morgen steht er auf und geht. Er zieht sich für das Morgengebet zurück und brüskiert die noch nicht Geheilten. Sein frommer Ritus ist ihm von einem Moment auf den anderen wichtiger als die Kranken. Laudes statt Heilung. Das soll ein Blinder verstehen? Er war voll für die Massen da und verkrümelt sich nun an einen einsamen Ort. Er entzieht sich den Verkrüppelten, für die er die einzig, existenzielle Hoffnung bedeutet. Jesus, warum kannst du nur so weh tun? Da scheint er, wie mancher Fromme an der Realität vorbeizugehen, zieht sich zurück, um sich vor der Arbeit zu drücken.

Doch wenn er betet, stellt er sich der Realität Gottes. Beim Beten löst er sich von Menschen und stellt sich in die Abhängigkeit Gottes. Im Beten knüpft er die Vater-Sohn-Beziehung, aus der heraus überhaupt erst ein Dienst an den Menschen möglich wird. Damit sagt er: Wenn mein Verhältnis zu meinem Vater krank ist, bin ich nicht in der Lage andere gesund zu machen. Wenn es an der Gottesbeziehung krankt, wird das Leben heillos. Auch bei Jesus beginnt alles damit, dass Gott, der Vater unser im Himmel ist. Für Jesus ist das Morgengebet existenzielle Beziehungsarbeit. Ohne das Hinausgehen an die einsame Stätte wäre etwas krank. Jesus definiert Gesundheit in der Beziehung mit Gott. Wo das Gebet schwach wird, würde sein Dienst an den Menschen verkrüppeln. Jesu Beauftragung ist nicht organische Unversehrtheit in die Welt zu bringen, sondern das umfassende Heil, das gegen die Schuld des Menschen angeht und den Urgrund von Krankheit heilt. Seine Gebete sind es, die all seinen Wundern vorausgehen.

Die Sehnsucht nach Gott steht am Anfang. Jesus macht Lust auf Gott. Die Lust auf diese Beziehung macht gesund.

  1. Krank vor lauter Gesundheit

Am Abend brachten sie zu ihm alle Kranken und Besessenen. Simon und die bei ihm waren, eilten ihm nach, als er wegging.  Als sie ihn fanden, sprachen sie zu ihm: Jedermann sucht dich. 

Jesus hätte hier in Kapernaum eine gutgehende Poliklinik aufbauen können. Die Jünger waren voll von diesem Geschäftsmodell überzeugt: Jeder sucht dich. Doch weshalb suchten sie Jesus? Wenn man sehr genau hinschaut, suchten sie eigentlich nicht Jesus, sondern „nur“ ihre Gesundheit. Ihre ganze Motivation war eine Selbstbezogene. Wer von Jesus nichts weiter will als „nur“ die Gesundheit, ist krank. Es ist ein fatales Missverständnis, zu ihm in die Sprechstunde zu kommen und nichts von ihm wissen zu wollen. Menschen, denen es um nichts weiter geht, als um ihr bisschen Gesundheit, werden eben davon krank, sagt der Theologe Voigt.

Da müsste der Satz der Jünger lauten: Nicht jeder sucht dich, sondern jeder sucht sich. Hierin liegt das Kranke bei der Suche nach Gesundheit. Da werden Wunder für eigene Zwecke missbraucht. Es geht in der Tiefe nicht um die Veränderung im Sinne Jesu, sondern um Weiterwursteln wie bisher. Wer seine Not zum Himmel schreit, wer Jesus um Heilung bittet, muss damit rechnen, dass er nicht nur wieder laufen kann, sondern dass er das ganze kranke Lebenskonzept umkrempelt. Wir dürfen Jesus um Gesundheit bitten, doch was er will ist viel mehr. Der krankhafte Schrei nach Gesundheit, ist für Jesus der Schrei nach Erlösung. Es ist der Schrei nach einem gnädigen Gott.

Gottesdienst wäre humanistisch zweckentfremdet, wenn alle Rollstuhlfahrer, die Kirche stehend verlassen würden. Bei derartigen Heilungsveranstaltungen würde Christus zu einem Wunderheiler degradiert werden, zu dem er nicht angetreten ist.

Wo jedermann Jesus sucht, kann es nicht in erster Linie um mich und meine Wehwehchen gehen, sondern wie sich Gott an meinem kranken Menschsein verwirklicht.

  1. Das Wort macht gesund

Und er sprach zu ihnen: Lasst uns anderswohin gehen, in die nächsten Orte, dass ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen. Und er kam und predigte in ihren Synagogen in ganz Galiläa und trieb die Dämonen aus.

Jesus legt seine Kernkompetenz auf den Tisch. Er zieht weiter, die einen heilte er, andere ließ er in ihren Gebrechen zurück. Sein Auftrag heißt predigen. Er ist dazu da, das Wort auszubreiten. Die Verkündigung ist Basis aller Diakonie. Der Auftrag Christi, ist der Auftrag der Kirche. Alles Heil liegt in Christus und dem gesprochenen Wort. Im Wort ist die Gesundheit der ganzen Menschheit verankert. Das Wort ist das Dringlichste an Jesu Sendung. Im Wort rührt Christus nicht nur lahme Knochen, und Magengeschwüre an, sondern erneuert den Menschen von Grund auf, von seiner ganzen inneren Einstellung zum Ebenbild Gottes.

Reich Gottes entsteht nicht darin, dass die Gebrechen zu Christus kommen, sondern dass Christus im Wort in die Gebrechen kommt. Christus will sich durch das Wort im Unheil vergegenwärtigen. Das ist die weit größere Gesundheit, als fünf heile Finger. Da können Schmerzen und verkrüppelte Finger Reich Gottes trächtiger sein.

Das Wort spricht nicht nur von und über Gott, es heilt die kranke Beziehung zu Gott. Als Glaubende sind wir den Durstigen den Becher kalten Wassers schuldig, doch viel mehr ist es das Wort, das am anderen Wunder vollbringt. Es ist nicht so, dass man, indem man die Menschen liebt, automatisch Gott liebt. Die Überbetonung des Humanistischen hat in der Kirche, den Leidenden weder mehr Christus noch mehr Heil gebracht.

Wir sollen unter den Menschen aktiv sein. Doch alle Aktivität lebt aus dem Rückzug in die Beziehung im Morgengebet. Wo das Vater unser krankt, kann durch unseren Dienst niemand gesundwerden. Hauptsache gesund heißt: Christus wirken lassen. Das Wunder abgesägter Finger liegt nicht in der Entschädigung der Rentenversicherung, sondern in dem Wort, das kranke Erwartungen heilt. Gesund ist nicht die angestrebte Unversehrtheit, sondern der geheilte Umgang mit dem was krank ist.

Das ist die Gesundheit, das Heil, für die gefallene Schöpfung. Diese Gesundheit schafft allein das Gebet und das verkündigte Wort. Jesus will darauf Lust machen. Hauptsache gesund!

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