Zickenzoff im Gotteshaus

Luk. 10, 38-42

Zickenzoff unter Geschwistern ist nichts Außergewöhnliches. Wer ist der Bessere? Der den Hamsterkäfig ausmistet, oder im Garten das Unkraut jätet? Der für Gäste den Kuchen backt, oder der den Tisch deckt? das Richtig und Wichtig kann da schnell mal die Gemüter erhitzen. Über dem Be-werten wird ein Ab-werten, und dadurch knallt es. Aus Erheben wird Überheben und die Vorwürfe fallen knietief. Es wird gefeuert und abgeschossen und um das eigene Recht gekämpft. Zoff, Meinungsverschiedenheiten und Ansichtssachen brauchen Klarstellung.

Maria bringt Marta auf die Palme und Jesus soll es richten.

  • So ganz orientalisch

38 Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf. 40 Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihnen zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll!  41 Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe.“

Martha, eine großherzige, engagierte Frau, die vieles im Reich Gottes begriffen hat. Ganz nach orientalischer Sitte, reißt sie sich alle Beine heraus, ihren Gast auf das fürsorglichste und nobelste zu bewirten. Erst recht, weil sie Jesus ins Haus aufgenommen hat. Ihre ganze Leidenschaft legt sie dahinein, ihrem Gast auf das Vornehmste zu dienen und für sein leibliches Wohl zu sorgen. Wenn Jesus da ist, kann sie an nichts Anderes mehr denken, als an seine vortreffliche Versorgung. Sie lebt aus tiefstem Herzen Diakonie und Hingabe. Sie steht im Gesetz von Saat und Ernte, und weiß im Unterschied zu Tieren und Pflanzen, dass der Mensch arbeitet und sich sein Brot verdient. In ihren hauswirtschaftlichen Verpflichtungen sieht sie die einzige Möglichkeit, Jesus ihre Verehrung und Liebe zu beweisen. Sie hat etwas ganz Wichtiges vom Evangelium begriffen, das so oft von praktischer und tätiger Liebe spricht: „Gehe hin und tue desgleichen.“ Sie ist ganz nahe am Sendungsauftrag und dem Liebesgebot Jesu. Ich diene, das ist meine Legitimation!?

Es ist nur zu logisch, dass ihr die orientalische Galle überläuft, wenn sie neben ihrem gnadenlosen Einsatz ihre untätige Schwester sieht? Sie kocht Jesus zwei Suppen!  Die eine, die sie ihm auf den Tisch stellt und mit der anderen serviert sie ihm ein Topf voller Vorwürfe. Ein heißes Tischgebet, das sie da spricht. „Herr, du fragst nicht danach, dass mich meine Schwester alleine dienen lässt? Klopfe ihr doch auf die Finger, dass sie endlich etwas tut!“ Bei solchen Gebeten geht der Schuss oft nach hinten los. Jesus erhört das Gebet und dreht den Spieß um. „Marta, deine Sorgen drehen sich um deinen Kochtopf!“ „Du hantierst hier rum und bist völlig der Erhaltung des leiblichen Lebens verfallen.“ „Ist das Leben nicht viel mehr als Essen und Trinken?“ „Du machst hier viel Lärm um Nichts.“

Gottfried Voigt: „Jesus kann ihr nichts zuliebe tun, weil sie in ihrer `diakonischen´ Aktivität ihm dazu gar keine Gelegenheit gibt.“

Wir lassen uns leicht von unseren frommen Dingen und Aufgaben gefangen nehmen, dass wir ihnen selbst nur noch dienen müssen. Der heißeste Einsatz für Christus, ist noch lange nicht die Garantie, dass wir ihm begegnen. Christus macht mit allem Zoff, was sich in seinem Namen letztlich doch gegen ihn stellt.

  • So ganz einfach

„Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu.“

Wo Christus einkehrt, drehen sich die Gesetzmäßigkeiten um. Da ist immer noch Arbeit da, da ist immer noch der Nächste da, der versorgt werden muss, da ist jedoch zuerst Jesus da. Wenn Jesus da ist, gibt es keine andere Priorität. Selbst seine Gebote treten an die zweite Stelle. Wo Jesus kommt, betritt der größte Diener das Haus. Da gibt es nur noch eines: Setzen und Hören. Da ist alle Aktivität von Übel. Setzen und Hören ist die einzige Aktivität um Christus zu empfangen. Es ist die Bereitschaft, Heil zuzulassen. In diesem Moment übernimmt er die Sorge für unser Wohlergehen. Der dienende Christus trennt uns von allem Leistungsdenken. Hier unterscheidet sich das Christentum von allen anderen Religionen. Im Evangelium dient Gott den Menschen. Im Gottesdienst dient zuerst Gott. Wo Christus einkehrt hat der Mensch ausgedient. Wenn Christus kommt, steht der dienende Mensch seinem eigenen Heil im Weg. Wo Christus an der Tür steht, muss sich das dienen in empfangen verwandeln.

Der Gott-Mensch-Konflikt kann erst dort aufhören, wo wir nicht mehr meinen, wir müssten Gott immer noch etwas servieren. In der Christus-Begegnung wird Gott der Handelnde.  Da sind wir nicht mehr die Gebenden, sondern die Beschenkten. Beschenkt werden, setzt das setzen und hören voraus. Im Hören geht das Wort, geht der Christus in uns ein. Wo das Wort eingeht, legt sich der Zoff gegen Gott.

Es wäre ein gewaltiger Irrtum, wenn man meint, hier würde die Kontemplation gegen die Aktion ausgespielt. Hier geht es nicht um eine Flucht vor dem harten, wirklichen Leben, das Gottesbegegnung in irgendeine Askese verbannt. Es geht auch nicht darum, die Aktivitäten um das tägliche Brot und die Hingabe in Kirche und Gemeinde zu verunglimpfen, sondern es geht um eine hochbrisante innere Bereitschaft. Hörende sind keine Flüchter. Christus zu Füßen sitzen ist kein Selbstzweck und keine Seelen-Massage. Wer sich von Christus nur bedienen lässt und darin bessere Zeiten erhofft, handelt aus Eigennutz.

Maria wurde nicht in bessere Welten entrückt. Sie hat einzig in ihrem täglichen Trubel Christus die Türe aufgemacht. Auf Christus zu hören heißt: Gott Gott sein lassen. Zu hören hat immer einen Sinn und Zweck, da passiert etwas. Unter dem dienenden Christus verwandelt sich der Mensch zum Heil für die Welt. Maria hat es ganz einfach verstanden; Verwandlung geschieht nur im vor die Füße setzen, zuhören und sich von Jesus beschenken lassen.

  • So ganz offen

 „42 Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.“

In Jesu Antwort an Marta, durchbricht er gezielt deren Geschäftigkeit und konfrontiert sie mit ihrem Mangel und Umtrieb. Auf ihren Vorwurf „sage Maria doch …“ spricht Jesus nicht Maria, sondern sie selbst an. „Eins aber ist not.“ „Das Problem sitzt nicht bei deiner Schwester, sondern bei dir.“ Ihre Not ist nicht das engagierte Dienen, sondern das nicht offen sein. Das nicht hören ist die Not der Gemeinde, die zum Himmel schreit. Wo Christus unterbrechen will, ist jeder mit einer anderen wichtigen Aufgabe beschäftigt, die partout nicht liegen bleiben kann.

Reich-Gottes-Arbeiter im Konflikt der Pflichten. In uns und um uns klappern die Töpfe so laut, dass wir nicht mehr hören können. Da ist so viel Lärm, den wir zum größten Teil selbst produzieren. Da kommt Christus zu Besuch und der Terminkalender ist leider so voll, dass wir nur von ihm erwarten, dass er uns bewundernd zuschaut. „Bitteschön Herr, alles Einsatz für deine gute Sache!“ Wir arbeiten und singen, wir pflegen und dienen, aber wir haben verlernt zu hören.

In den Kirchen und Gemeinden gibt es viele Burnout-Patienten; ausgefallen wegen Überengagement. Im Reich Gottes liegt das Problem nicht in erster Linie am nötigen Einsatz, es liegt am offen sein, für das was dran ist. Lieber Gott, es tut mir leid, ich habe keine Zeit.

Maria hat das gute Teil erwählt. Sie hat die beste Portion abgeschnitten. Sie hat die Wahl für den Guten getroffen. Wer wählt trifft eine Entscheidung. In dem Wort Entscheidung liegt eine Trennung. Wo ich mich für das eine entscheide, wähle ich eine andere Möglichkeit ab. Ich kann im Urlaub nicht gleichzeitig ans Meer und in die Berge fahren. Ich entscheide mich für das eine oder das andere. Maria wählt das Gute. Das ist eine klare Entscheidung für Christus. Sie wählt das Hören auf sein Wort. Sie zieht das Wort allem anderen vor. Wir haben jeden Tag die Wahl, welchen Raum wir dem Wort geben. Wir haben die Wahl den Gottesdienst zu besuchen, oder etwas Anderes als wichtiger zu betrachten.  Selbst die alten Orden haben das in ihrer Regel festgeschrieben: „Dem Gottesdienst ist nichts vorzuziehen.“ Wer diese Wahl hat, muss gezielt das was dem Wort entgegensteht abwählen. Er muss sich gegen alle Ausreden auflehnen. Unser offen sein müssen wir uns tagtäglich neu gegen das Allzuviele erkämpfen. Viel Zoff entsteht dadurch, dass wir nicht mehr offen sind und mit Christus und den Geschwistern das diskutieren und rechtfertigen anfangen.

Es liegt allein an unser Wahl.

Was ist das gute Teil, das wir heute zu wählen haben?

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Ein Gedanke zu „Zickenzoff im Gotteshaus

  1. guter Text

    Arbeit kann ja vieles sein
    Tun, was getan werden muss – am besten jede Arbeit als Gottes-Dienst
    oder
    Arbeiten um sich hervor zu tun
    Arbeiten um sich von sich selbst abzulenken
    etcpp……..
    einfach arbeiten oder weil man damit etwas anderes erlangen will als einfach das Resultat der Arbeit…
    Stolz, Ego… oder Gott – das scheint mir hier die Frage

    und ansonsten ist dein Text eh Wasser auf meine Mühle
    bei mit kommt kochen auch nach allem möglichen anderen 😉

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