Von Angesicht zu Angesicht

  1. Mose 33, 17-23

Wer eine Audienz mit dem Papst möchte, kann nicht morgen nach Rom fahren und am Vatikan an einer Glocke klingeln, auf der Papst steht. Wenn man nur die Frage nach einer Privataudienz ins Internet eingibt, bekommt man folgende Information:

Eine Privataudienz beim Papst zu bekommen ist recht schwierig. In der Regel werden leider nur hochgestellte Persönlichkeiten wie Politiker, Staatsoberhäupter, geistliche Würdenträger und andere prominente Menschen vom Papst empfangen. Selbst als katholischer Priester hat man wenig Chancen bei seinem „Chef“ eine Privataudienz zu erhalten. Auch ein Bischof bekommt in der Regel nur aller 5 Jahre anlässlich eines sogenannten „ad limina-Besuchs“ in Rom die Gelegenheit, den Papst in einer persönlichen Unterredung zu treffen.

D.h. ich beim Papst, ohne irgendwelche Beziehungen, unter solchen Voraussetzungen, undenkbar.

Wie geht eine Privataudienz beim lieben Gott?
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1. Audienz durch den Namen

du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen.

Mose spricht Gott mit Namen an und bekommt zur Antwort: Ich kenne dich! Ich kenne deinen Namen, deine Persönlichkeit, deine Biografie. Du bist mir kein Fremder, uns verbindet eine gemeinsame Geschichte. Wo Gott einen Menschen kennt, da ist er durch und durch erkannt. So wie der Name Gottes eine unfassbare Welt umschließt, steht unser Name für unsere Person. Durch den Namen findet eine Zuordnung statt, mit wem wir es zu tun haben.

Wenn Jesaja den Jesus-Namen aufzählt: Wunderbar Rat, Kraft, Held, Ewig Vater, Friedefürst, verbindet sich gleich ein Programm damit. Wenn wir Martin Luther, Nelson Mandela, oder auch Adolf Hitler aussprechen, stehen gleich großartige oder schreckliche Geschichten auf. Selbst wenn ich sage, ich bin ein Jud von Metzingen, oder der Theophilos von den Blumenmönchen, können einige sagen, aha, der da!

Wo Gott Mose mit Namen kennt, ist damit die ganze Führung seines Volkes verbunden. In diesem Kennen liegt bereits die Erwählung zu diesem Auftrag. In diesem Namen Mose liegt die Gnade, Führer des Gottesvolkes zu sein. Wo Gott den Namen kennt, hat sich sein Name mit dem Menschen verbunden. So geht jedem Kennen, Gottes Erbarmen voraus. Über beide Namen, über zwei Biografien baut Gott Brücken. Gott selbst schafft beste Voraussetzungen für Begegnung und Kommunikation mit ihm. Gottesbegegnung findet nur statt, weil er uns kennt, nicht, weil der Mensch sucht. Gottesbegegnung ist immer Gnade und kein Verdienst. Ohne Gnade könnte kein Mensch Gott vor Augen stehen. Gnade ist der erste Funke von Herrlichkeit, mit der sich Gott an Menschen heran wagt.

Wo Mose noch mehr von dieser Herrlichkeit ersehnt, und über das von Gott gegebene Maß hinaus will, zeigt Gott die Gangart von Gottesbegegnung.
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2. Audienz durch die Freiheit

Und er sprach: Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will ausrufen den Namen des HERRN vor dir: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich. 20 Und er sprach weiter: Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht. 

Das was hier nach reiner Willkür aussieht, zeigt sich beim näheren Betrachten als Gottes höchste Verantwortung. Gott macht hier keine Spielchen, von wegen, die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen. Wir sortieren hier mal aus, so wie wir gerade lustig sind, sondern seine Güte liegt darin, dass er den Namen kennt. Weil er den Menschen kennt, muss seine Güte, seine Herrlichkeit dosieren. Gott ist erfahrbar, Gott schreibt mit Menschen großartige Geschichten, doch seine ganze unverhüllte Herrlichkeit ist für den Sünder tödlich. Bei der Herrlichkeit trifft der vollkommene Gott auf den unvollkommenen Menschen. Hier liegt der große Unterschied zwischen der Welt Gottes, und der des Menschen. Herrlichkeit ist für den Menschen unverdaulich. Für so viel Licht ist die vergängliche Welt nicht geschaffen.

Wenn wir die Sonnenfinsternis der vergangenen Jahre verfolgen wollte, war das nur mit Schutzbrillen möglich. Totale Sonne bringt Augen zum Flimmern und kann sie blind werden lassen. Vor Röntgen- und Laserstrahlen braucht der Körper Schutz. Herrlichkeit Gottes ist so gewaltig, dass sie für sterbliche Menschen schädlich ist. Gott gönnt sich die Freiheit, die Strahlenmenge zu reduzieren. Er legt fest, wieviel von der unsichtbaren Welt, in der Sichtbaren sich zeigen kann.

Das menschenverträgliche Licht ist Jesus Christus. Christus zieht als die Güte an uns vorüber. Die Herrlichkeit, die in Christus in die Welt kommt, ist genau die Menge, die für unser Angesicht passt. Er ist Gottes Angesicht, dem wir in die Augen schauen können. Christus ist die Erfüllung der Bitte nach Herrlichkeit. Christus lässt Herrlichkeit aufleuchten und nimmt ihr das Unerträgliche. Das ist Güte, die sich in Freiheit in ihrer ganzen Größe auf uns zu bewegt.

Wie sich Herrlichkeit zeigt, kann kein Mensch festlegen.
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3. Audienz durch das Geheimnis

21 Und der HERR sprach weiter: Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen. 22 Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. 23 Dann will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir hersehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen.

Wenn wir beim Zug die Rücklichter sehen, haben wir meistens etwas verpasst. Wenn wir hinter Gott her sehen beginnt das Eigentliche. In der Felsspalte verkrümelt, abgeschottet durch eine vorgehaltene Hand beginnt Reich Gottes. Nur wenn wir noch etwas von einem Lichtschweif mitbekommen, der gerade vorbeigezogen ist, haben wir eine Fülle genossen, die kaum zu verkraften ist. Gottesbegegnung bleibt über aller Berechenbarkeit ein Geheimnis. Da ist eine Felsplatte, auf der totaler Gottesdienst stattfindet. Gott schafft Räume, in denen er sich vergegenwärtigt. Das Geheimnis von Herrlichkeit zeigt sich im für uns Gewohnten und im Ungewöhnlichen. Es gibt nicht die eine Form, auf die Gott sein Offenbaren festgelegt hat. Einmal kommt er in Brot und Wein, in Christus und dem Wort, in einem feierlichen Gottesdienst, ein anderes Mal in einem bedürftigen Flüchtling und im Alltagstrott.

Siehe, ist die Aufforderung genau hinzuschauen. Siehe, da ist ein Raum, genau für dich, an dem ich dir begegne. Es geht darum, diese Räume wahrzunehmen. Es geht darum dort zu stehen, wo die Güte vorüberzieht. Herrlichkeit ist viel näher als wir denken und begegnet uns oft dort, wo wir sie nicht vermuten. Siehe, ist das gespannte bereit sein, für das große Wunder im Kleinen.

So kann sich die Sehnsucht nach Herrlichkeit am Küchentisch, beim Musizieren, beim Blumenverkauf und an einem Sterbebett erfüllen. Da wo wir stehen sollen, die Aufgabe, die sich mit unserem Namen verbindet, ist der Platz für das Geheimnis Gottes. Wir brauchen nicht mehr zu suchen, als wir haben, wir brauchen nur stehen und sehen, wo die Gnade an uns vorüberzieht. Das ist eine nicht zu planende Audienz, sondern eine geheimnisvolle Begegnung von Angesicht zu Angesicht.

Ist da nicht jeder Augenblick, voller Überraschungen von einer Herrlichkeit, die zu uns unterwegs ist?

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